Bertelsmann
Stets zu Diensten

In Gütersloh prangt das haushohe Transparent mit dem Slogan „Mit Ideen punkten“ am früheren Dienstsitz des neuen Bertelsmann-Chefs Hartmut Ostrowski. Das ist kein Zufall. Denn Europas größter Medienkonzern braucht dringend neue Ideen, um wieder auf den Wachstumspfad zurückzufinden.
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Ostrowski, viele Jahre Chef der wachstumsstarken Mediendienstleistungssparte Arvato, hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt. Der 50- Jährige hat der Eignerfamilie von Liz und Reinhard Mohn versprochen, den Umsatz in sechs Jahren auf mehr als 30 Milliarden Euro zu steigern. Derzeit erzielt der Medienriese noch keine 20 Milliarden Euro. Den operativen Gewinn will Ostrowski von zuletzt 1,9 Milliarden auf über drei Milliarden Euro steigern.

Wie soll das funktionieren? Der Branchenprimus ist derzeit in einer schwierigen Lage. Die Buch- und Musikclubs sind rückläufige Geschäfte. Deshalb wird bereits hinter den Kulissen eifrig nach einem Käufer gesucht. Auch der mit dem japanischen Entertainmentkonzern Sony betriebene Musikkonzern Sony-BMG ist ein Auslaufmodell. Ein endgültiger Abschied aus dem Musikgeschäft scheint nur eine Frage der Zeit zu sein.

Die beiden Konzerntöchter Random House, der größte Buchverlagskonzern der Welt, und der Zeitschriftenkonzern Gruner+Jahr sind keine Wachstumstreiber. Sie stehen unter Beobachtung. Ein (Teil-)Verkauf von Gruner + Jahr scheint weiter nicht völlig ausgeschlossen zu sein. Bertelsmann bleiben unter dem Strich nur zwei Wachstumsfelder: der Fernsehkonzern RTL und der Mediendienstleister Arvato.

Das TV-Geschäft entwickelt sich unter der Führung des cleveren Österreichers Gerhard Zeiler seit Jahren prächtig. Erst vor kurzem hat der Fernsehkönig von Europa erstklassige Zahlen vorgelegt. Die Melkkuh von Bertelsmann gibt derzeit fleißig Milch. Doch hier gibt es natürliche Grenzen. Ohne größere Zukäufe in oftmals völlig überteuerten Wachstumsmärkten wird RTL die Milchquote künftig nicht wesentlich erhöhen können. Allerdings mangelt es zurzeit bei Bertelsmann am Geld. Angesichts der Milliardenschulden verzichtete der Konzern beispielsweise auf den Einstieg in den boomenden Fernsehmarkt der Türkei.

Die klassischen Geschäfte für die herkömmlichen Medienkonzerne sind begrenzt. Der neue Bertelsmann-Chef weiß das nur zu gut. Ostrowski baut daher den klassischen Medienriesen nun zu einem digitalen Dienstleistungskonzern um.

Das Eldorado im Dienstleistungsbereich ist unspektakulär, aber unerschöpflich. Jüngstes Beispiel dafür ist das gerade gestartete Bonussystem „Deutschland-Card“. Damit können Kunden beispielsweise von Edeka oder der Deutschen Bank über die Rabattkarte fleißig Punkte sammeln. Bertelsmann will den lukrativen Markt der Plastik-Karten nicht den Paybacks dieser Welt überlassen.

Als wahre Goldgrube gilt konzernintern die Auslagerung von Dienstleistungen für Städte und Gemeinden. In Großbritannien hat Bertelsmann bereits erste, überaus positive Erfahrungen gemacht. Nun nehmen die Gütersloher Deutschland ins Visier. Das Labor ist Würzburg. Dort übernimmt Bertelsmann künftig administrative Tätigkeiten der Stadt. Das ist noch ein überschaubares Projekt. Doch glaubt man den Gütersloher Strategen, so könnte sich der Konzern über das Outsourcing von staatlichen Aufgaben mittelfristig einen Markt im zweistelligen Milliardenbereich erschließen.

Gerade im digitalen Zeitalter lassen sich im Verwaltungsbereich ideal Wertschöpfungsketten verlängern. Wenn der Inhalt König sei, sei der Kunde Kaiser. Das werde gerade in Zeiten des technologischen Fortschritts oft vergessen, sagte Ostrowski kürzlich auf der Computermesse Cebit. Gefragt sei nicht, was möglich sei, sondern gefragt sei, was nachgefragt werde.

Die Nachfrage bei den oft hochverschuldeten Kommunen nach neuen Lösungen, um die Verwaltung kundenorientierter und billiger zu organisieren, wächst. Bertelsmann steht bereit, Aufgaben eines Einwohnermeldeamts zu übernehmen, Falschparkern ihre Knöllchen zuzustellen oder rund um die Ohr ein Bürgertelefon bereitzustellen. Schon heute ist Arvato in Sachen Logistik, Call-Center und Kundenbetreuung ein stiller Gigant, der den Markt fest im Griff hat.

Der Umbau zum digitalen Dienstleistungskonzern ist unspektakulär. Und das ist aus Sicht von Bertelsmann auch gut so. Denn schnell könnte politischer Gegenwind entstehen. Schon heute beobachten die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und linke Politiker die Auslagerung von staatlichen Aufgaben mit Argusaugen. Ostrowski, der ehemalige Mittelstürmer, hält den Ball daher flach.

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