Bilanzen
Logik des Augias

Einmal richtig ausmisten – und dann ist gut. Nach dieser Logik haben wir uns lange Zeit die Lösung der Finanzkrise vorgestellt: Die Banken sollten radikal alle faulen Vermögensteile verkaufen oder abschreiben. Und dann von der niedrigen, gesunden Basis aus wieder zur Tagesordnung zurückkehren. Herkules säubert den Augias-Stall, und alles wird gut
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Dass es so nicht funktioniert, hat auch mit der modernen Bilanzierung zu tun. Vielleicht sollte das ein Anlass sein, über diese Regeln noch einmal nachzudenken.

Die neue Rechnungslegung – ob nun nach US-GAAP oder in Europa nach IFRS – soll für Transparenz und damit für Vertrauen sorgen. Ein riesiger Schritt weg von der alten HGB-Bilanzierung, die für viele Mittelständler immer noch maßgeblich ist. Nach HGB gilt – inzwischen leicht aufgeweicht – das Prinzip, sich von kurzfristigen Marktturbulenzen nicht beeindrucken zu lassen. Nach IFRS gilt es dagegen, die Turbulenzen möglichst präzise bei der Bilanzierung zu berücksichtigen.

Doch in der Praxis treten zwei Probleme auf. Erstens: Die neue Bilanzierung schafft nicht so viel Transparenz, wie sie verspricht. Und zweitens: Die hohe Transparenz ist nicht immer hilfreich. Um den zweiten Punkt dreht sich im Moment eine heftige Expertendiskussion. Der erste Punkt wird dabei aber oft übersehen.

Zunächst: Keine Bilanzierungsregel der Welt kann erreichen, dass alle Vemögensgegenstände, für die es keinen Markt mehr gibt, tatsächlich rigoros abgeschrieben werden. Das beste Beispiel für dieses Problem sind die Großkredite, die zahlreiche Kreditinstitute, darunter auch die Deutsche Bank, vergeben haben, etwa zur Finanzierung von Übernahmen. Eigentlich war bei den meisten dieser Kredite geplant, sie zu verkaufen. Häufig ist das jetzt nicht mehr möglich. Aber soll man sie deswegen radikal abschreiben?

Dann müsste man konsequenterweise jeden Kredit, der nicht verkäuflich ist, abschreiben. Das aber wäre absurd – schließlich läuft, jedenfalls in Deutschland, immer noch ein großer Teil des Kreditgeschäfts, ohne dass überhaupt an einen Verkauf gedacht wird. Folgte man der Abschreibelogik ganz radikal, dann müssten reihenweise Banken oder Sparkassen mit traditionellem Geschäftsmodell ihre Bilanzen entblößen und könnten anschließend einpacken.

Wenn man der Logik aber nicht radikal folgt, wo wird die Grenze gesetzt? Soll allein die Frage, ob ursprünglich geplant war, den Kredit zu verkaufen, als Kriterium gelten? Aber das sagt über den derzeitigen Wert gar nichts aus. In der Praxis werden daher Kredite auch nicht allein deswegen, weil es für sie keinen Markt gibt, abgeschrieben, sondern nach Modellen bewertet, die niemand versteht.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie die deutschen Wirtschaftsprüfer die IFRS-Regeln auslegen: Wenn es keinen Markt gibt, wird auch nicht nach Marktpreisen bewertet, sondern nach Rechenmodellen. Notverkäufe geschehen, weil es keinen Markt gibt. In den letzten Tagen war viel die Rede von Notverkäufen, vor allem durch Hedge-Fonds, die zu früh den Schrott der Banken gekauft hatten.

Folgt man der Interpretation der deutschen Wirtschaftsprüfer, dann dürften diese Verkäufe keinen Einfluss auf die Bilanzierung haben. In angelsächsischen Medien ist dagegen die Rede davon, Notverkäufe könnten dazu führen, dass alle Banken mit ähnlichen Papieren ihre Bestände abschreiben müssten. Das könnte riesigen Schaden nach sich ziehen. Vor allem diese Folgen dürften die US-Notenbank bewegt haben, die faulen Papiere als Sicherheiten zu akzeptieren: um eine Alternative zu Notverkäufen zu bieten.

Die Situation ist also kompliziert. Auf der einen Seite treibt die moderne Bilanzierung die Banken in die Enge, weil sie sie zur Aufdeckung von Schwächen zwingt. Auf der anderen Seite gibt es jede Menge Ausnahmen, bei denen diese Schwächen eben doch nicht aufgedeckt werden müssen. So viel zum Thema Transparenz.

Sollten wir also zur alten Bilanzierung zurückkehren, die den Banken in Deutschland sogar noch Sonderrechte zur Bildung von „stillen Reserven“ für schwere Zeiten einräumte? Der Zug dürfte abgefahren sein. Aber es stellt sich schon die Frage, ob man nicht zusätzliche Risikopuffer in den Bankbilanzen benötigt – nicht versteckt, sondern offen. Das würde zwar der Grundphilosophie der modernen Bilanzierung widersprechen, nach der Gewinne nicht geschmälert ausgewiesen werden dürfen. Aber die moderne Bilanzierung geht davon aus, dass der Kapitalmarkt alle Probleme lösen kann. Und wir sehen gerade, dass das nicht Fall ist.

Man sollte sich keine Illusionen machen: Die Banken selbst werden mit solchen Vorschlägen nicht kommen – es sei denn, sie hoffen darauf, dass zusätzliche Finanzpolster auch steuermindernd anerkannt werden. Daher sind nun die Finanzaufseher gefragt. Sie haben sich aber bisher mit Vorschlägen, wie künftige Krisen zu vermeiden seien, sehr zurückgehalten.

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