Bilanzpolizei
Kommentar: Gut, dass es sie gibt

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Was waren alle skeptisch, als vor Jahren wegen der Bilanzierungsskandale in den USA, aber auch in Europa der Ruf nach verschärften Kontrollen laut wurde. Noch eine staatliche Aufsicht? Noch mehr Bürokratie? Wo doch die Überwachungsmanie als zentraler Hemmschuh für Wachstum ausgemacht war. Also ersannen die Deutschen ein Modell, das Charme hat. Die Wirtschaft verpflichtete sich zum Aufbau und zur Finanzierung einer eigenen Prüfstelle. Der Staat hält sich zurück und schreitet erst ein, wenn die Bilanzkriminologen fündig werden. Das geschieht in Form der Finanzaufsicht BaFin, die am Ende einer Prüfung entscheidet, ob Ertappte ihre Bilanzen korrigieren müssen. Und: Die Behörde entscheidet darüber, ob Übeltäter ihre Fehler veröffentlichen müssen, wie jetzt die Württembergische Lebensversicherung. Die hatte 2005 einen Geschäftsabschluss hingelegt, der so viele Mängel hatte wie das Erstlingswerk eines Betriebswirtschaftsstudenten. So etwas hatte die Fachwelt noch nicht gesehen.

Doch so richtig Spektakuläres deckte die Bilanzpolizei in ihrer zweijährigen Existenz noch nicht auf. Auch wenn 150 Bilanzchecks per anno ein ordentliches Pensum sind. Doch daraus den Rückschluss zu ziehen, die kleine Berliner Institution mit dem vergleichsweise bescheidenen Etat von 3,5 Millionen Euro sei ein zahnloser Tiger, ist falsch. Der Trick der Bilanzpolizei liegt nämlich nicht darin, böse Finanzjongleure vorzuführen. Was viel mehr zählt, ist die latente Gefahr für Finanzvorstände, ertappt zu werden. Keiner weiß genau, welche Geschäftsberichte sich die Experten gerade vornehmen. Und selbst nach Jahren ist es äußerst schmerzlich, wenn die Order heißt: Mängelliste per Pflichtmitteilung bekannt geben. Viel preiswerter lässt sich Prävention nicht betreiben.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent

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