Bilanzsaison
Schweinezyklus

Die Siemens-Aktie steigt auf Grund guter Geschäftsergebnisse um sechs Prozent. Genauso viel verliert das SAP-Papier nach einem schwächeren Ausblick. Wie in jedem Vierteljahr schaffen und vernichten Quartalszahlen einzelner Unternehmen binnen weniger Sekunden viele Millionen Euro Kapital.

Dennoch unterscheidet sich die aktuelle Berichtssaison fundamental von früheren Bilanzreigen. Erstens profitieren und leiden diesmal nur direkt betroffene Unternehmen, nicht aber die Aktienmärkte als Ganzes. Das klingt zwar banal und selbstverständlich, war es in der Vergangenheit aber nicht. Zweitens verdienen die vorangegangenen Prognosen größte Aufmerksamkeit. Denn sie stimmen erstaunlich genau mit den Ergebnissen der Unternehmen überein. Darin liegt allerdings eher eine Gefahr denn Genugtuung. Die Börsen präsentieren sich in dieser Bilanzsaison ein Stück abgeklärter. Dies weniger, weil es über Nacht nur noch weitsichtige Aktionäre gäbe. Vielmehr bieten die Kurse der meisten Firmenanteilsscheine gegenwärtig kaum Anlass, hektisch nach oben und unten auszuschlagen, nur weil das eine oder andere Unternehmen seine gesteckten Ziele nicht erreicht. Mehr als in den turbulenten 90er-Jahren spiegelt die Börse heute branchenspezifische Unterschiede besser wider. Aktien kosten etwas mehr, wenn die dahinter stehenden Unternehmen rasant wachsen. Dafür sind Papiere aus gesättigten Märkten etwas billiger zu haben.

Solche Unterschiede verhindern beim Blick auf einzelne Quartalsausreißer übertriebene Reaktionen. Vorbei sind also die Zeiten, in denen Schwergewichte wie Nokia, Intel oder SAP die Märkte in Sippenhaft nahmen. Aktionäre alteingesessener Industrieunternehmen wie Thyssen-Krupp und Linde müssen nicht mehr vor den Quartalszahlen von IBM und Microsoft zittern. Der Grund für die moderater gewordenen Börsenreaktionen ist die Tatsache, dass die Vorhersagen der Analysten immer mehr mit den Ergebnissen der Unternehmen übereinstimmen. Zwar überwiegen die positiven Überraschungen gegenüber den Enttäuschungen. Aber die Ausreißer nach oben werden seltener und fallen zudem weniger spektakulär aus. Meist übertreffen die Unternehmen die von ihnen geschickt kolportierten Erwartungen nur um ein oder zwei Cent je Aktie. Ursache sind nicht so sehr hellseherische Fähigkeiten. Vielmehr gibt es im Wechselspiel zwischen Unternehmen, Analysten und Börse einen Kreislauf, der in vielen Branchen als „Schweinezyklus“ bezeichnet wird. Halbleiter-Unternehmen beispielsweise produzieren in einer konjunkturellen Abschwungphase in aller Regel viel zu viele Chips. Denn während des vorangegangenen Aufschwungs haben sie dank guter Nachfrage neue Fertigungsanlagen gebaut und damit den anschließenden Preisverfall selbst verschuldet. Und so ergeht es im übertragenen Sinn auch den Unternehmen und Finanzanalysten.

Frustriert und verunsichert von Rezession und Kursverfall an der Börse, stapeln sie im folgenden Aufschwung bewusst tief, um ihre Aktionäre nicht erneut zu enttäuschen. Fallen die Gewinne dann besser aus, entschädigt das für so manchen Verlust in der Vergangenheit. Dieses Phänomen begleitete die Finanzmärkte seit etwa drei Jahren. Reihenweise übertrafen die Firmen die zu vorsichtigen Erwartungen. Doch in dem Bewusstsein, dass die Unternehmen Quartal für Quartal bessere Zahlen präsentieren als zuvor vermutet, wagen sich die Experten schließlich mit mutigeren Schätzungen aus der Deckung. Zeitgleich fällt es den Konzernen schwerer, von einer immer höheren Ausgangsbasis ihre Ergebnisse weiter zu steigern. Ambitioniertere Schätzungen gehen also mit schwächeren Zuwachsraten einher.

Zuletzt erlebten wir dies im Jahr 2000. Erliegen Analysten und Unternehmen diesem „Schweinezyklus“, müssen Anleger dafür in der Regel teuer bezahlen. Denn Enttäuschungen nach überzogenen Prognosen beantworten Investoren mit Verkäufen, also fallenden Kursen. Dazu muss es aber nicht kommen, wenn die Firmen frühzeitig signalisieren, dass sie zu ambitionierte Erwartungen nicht erfüllen können. In dieser Phase hilft ein Stück mehr Vorsicht, so wie zu Beginn eines Aufschwungs. Das letzte Mittel sind öffentlichkeitswirksame „Gewinnwarnungen“, also die Revision zuvor gelieferter Prognosen. Die Deutsche Telekom machte davon Gebrauch. Die Quittung: Drei Milliarden Euro waren vernichtet. Doch selbst eine solche Reißleine zu ziehen ist immer noch besser, als die böse Überraschung mit der Bilanz zu präsentieren. Denn dann rutschen Kurse und Vertrauen noch tiefer in den Keller.

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