Bildung
Kommentar: Bitterer Beigeschmack

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Druck auf Politiker lohnt sich doch – sogar auf Bildungspolitiker. Iglu, die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung, zeigt deutliche Fortschritte auf: Die deutschen Viertklässler lesen heute wesentlich flüssiger als noch vor fünf Jahren. Das kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Denn damit steigen die Chancen jedes einzelnen Kindes. Zugleich profitiert die Gesellschaft und damit mittelfristig auch die Wirtschaft. Dieses Ergebnis sollte Bildungspolitiker, Schulleiter und Lehrer anspornen, den eingeschlagenen Reformweg weiter zu beschreiten.

Die Iglu-Studie wird diejenigen beflügeln, die auf eine längere gemeinsame Zeit in den ersten Schuljahren drängen. Wenn es Grundschulen besser als den weiterführenden gelingt, Kinder zu fördern, obwohl sie von Problemfällen bis zu Überfliegern alle unterrichten – warum sollte das nicht auch in Klasse sechs oder neun funktionieren?

Das gute Ergebnis hat jedoch einen bitteren Beigeschmack: Die soziale Kluft ist nicht nur nicht kleiner geworden. Sie hat sich sogar noch vergrößert. Um auf ein Gymnasium zu gelangen, muss die Tochter eines Arbeiters nicht nur gleich gut, sondern deutlich besser sein als ein Manager-Sohn. Das ist zwar fast überall auf der Welt so, aber in Deutschland ist die Kluft größer als in den meisten anderen Industrieländern.

Hier liegt die größte Herausforderung für das Schulsystem. Ganz offensichtlich lassen sich Lehrer immer noch davon beeindrucken, wenn Kinder von Akademikern abstammen, anstatt ausschließlich die Fähigkeiten des Kindes selbst zu beurteilen, auch wenn dieses sich nicht so eloquent ausdrückt. Doch im deutschen System fehlt es an Zusatzlehrern, die einzelne Schüler individuell betreuen können. In anderen Ländern ist das der Normalfall – in Deutschland immer noch die Ausnahme.

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