Billigflieger
Stürmische Zeiten

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Die Sonne scheint, keine Wolke weit und breit, nur gleißend weiße Kondensstreifen am Himmel. Für Europas Billigfluggesellschaften schien der Sommer in den vergangenen Jahren nicht enden zu wollen. Ryanair und Easyjet wuchsen zweistellig und erzielten für die Branche einzigartige Renditen. Eine Krise schien ihnen so fern wie die Emissionen ihrer Jets dem verklärten Betrachter.

Doch der Sturm, der jetzt mit Konsumkrise und horrenden Ölpreisen aufzieht, wird nicht nur die Linienfluggesellschaften, sondern auch die jungen Billigen durcheinanderwirbeln. Ryanair lieferte ein erstes Beispiel. Die Nummer eins der Billigflieger meldete am Montag einen Gewinneinbruch für das dritte Quartal und senkte die Prognose für das Geschäftsjahr 2008/2009. Auch für Easyjet und Europas Nummer drei, Air Berlin, könnte es turbulent werden.

Der hohe Ölpreis trifft die Billigfluggesellschaften härter als die etablierten Linienfluggesellschaften. Zwar haben Easyjet und Ryanair durchschnittlich junge und damit verbrauchsarme Flotten, doch sind sie schlechter oder gar nicht gegen steigende Ölpreise abgesichert. Auf kostspielige Preissicherungsabteilungen und -mechanismen verzichteten sie bisher. Ryanair etwa ist für das Geschäftsjahr 2008/2009 (ab April) nahezu gar nicht abgesichert. Eine Überheblichkeit, die Ryanair-Chef Michael O’Leary bei einem Ölpreis von 85 Dollar und sinkenden Ticketpreisen im nächsten Geschäftsjahr die Hälfte des Gewinns kosten könnte. Im Sinne ihrer schlanken Strukturen sind die Billigfluggesellschaften zudem sehr fokussiert aufgestellt. Einen verlässlichen Gewinnlieferanten, wie ihn etwa Lufthansa mit der Techniksparte selbst in Krisenjahren wie nach 2001 hatte, kann keiner der Newcomer vorweisen. Einzig Air Berlin hat seit der Übernahme der LTU die Flucht nach vorne angetreten und investiert in eine eigene Technik-sparte und ins lukrative Langstreckengeschäft mit Business-Class. Ob der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft die Diversifizierung und der Aufstieg in die erste Linienliga kurz vor oder während der Krise gelingen, ist aber mehr als fraglich.

Die Billigflieger haben sich – wie ihr Name schon sagt – mit günstigen Preisen ihren Markt geschaffen. In Großbritannien etwa geht das Passagierwachstum der vergangenen Jahre nahezu vollständig auf das Konto von Ryanair und Easyjet. Die Nachfrage nach Partywochenenden auf Ibiza oder nach Städtetrips nach Barcelona dürfte in wirtschaftlich schlechten Zeiten allerdings noch schneller und nachhaltiger einbrechen als die nach Geschäftsreisen.

Die Städteverbindungen von Air Berlin, Easyjet und Germanwings nutzen schon heute Heerscharen von Managern. Doch sind dies häufig die Leute der zweiten und dritten Reihe, und deren Reisebudgets werden die Controller als Erstes unter die Lupe nehmen und zusammenstreichen. Dass das Topmanagement demnächst anstatt mit Lufthansa mit Easyjet abheben wird, ist nicht nur aus Imagegründen, wegen Annehmlichkeiten wie Lounges und Meilenprogrammen unwahrscheinlich. Bei Frequenzen und Anschlüssflügen sind die Linienflieger nach wie vor spitze. Sie haben ihre Angebote mit Luxus in der Luft und auf dem Flughafen zu Premiumprodukten veredelt. Und dass deren Klientel besonders verlässlich ist, ist in der Konsumgüterbranche eine Binsenweisheit.

Ein anderes Thema könnte die jungen Billigen auch noch einholen:die Klimadebatte. Bisher haben sie zwar versucht, es sogar für sich zu nutzen. So erklärte Easyjet-Chef Andrew Harrison seine Corporate Colour Orange sogar zum neuen Grün der Luftfahrt: Mit Easyjet zu fliegen sei aufgrund der jungen Flotte umweltverträglicher als mit British Airways oder Lufthansa. Doch das Bild könnte sich schnell ändern, wenn die Kunden mehr über ihr Konsumverhalten nachdenken. Denn für eine Partynacht auf Ibiza Tonnen von zu verursachen, ist sicherlich noch fragwürdiger als für einen Geschäftstermin in der City.

Der Sturm wird die Spreu vom Weizen trennen – und zwar sowohl bei den jungen Billigen als auch bei den etablierten Linienfliegern. Kein Wunder also, dass sich die polnische Lot der Lufthansa offen zum Verkauf anbietet und Lufthansa und der Touristikkonzern Tui ihre ertragsschwachen Billigflugtöchter Germanwings und Tuifly vereinen wollen.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

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