Biokraftstoffe
Die 2. Generation

Mit zwei unbequemen Tatsachen müssen alle Energieverbraucher und ihre Lieferanten leben: Erdöl und -gas werden in wenigen Jahrzehnten nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen. Und wenn dieser Planet nicht durch die Klimakatastrophe völlig unbewohnbar werden soll, muss die Energiegewinnung so schnell wie möglich kohlendioxidneutral werden.

Die Erwärmung hängt unmittelbar ab von den Kohlendioxid-Emissionen aus fossilen Energieträgern.Die zweite Tatsache ist die fundamentalere. Denn ohne Erdöl kann die Menschheit irgendwie existieren, aber die Folgen eines explosiven Temperaturanstiegs um mehr als vier Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts könnten fatal und final sein. Die Studie von Nicholas Stern für die britische Regierung überrascht niemanden, der die Erkenntnisse der Klima-Forschung verfolgt. Dass die in der Geschichte der Menschheit einzigartigen Klimaveränderungen alle Gesellschaften vor größte Herausforderungen stellen – allein der Küstenschutz und die Trinkwasserversorgung erfordern enorme Investitionen –, ist keine neue Erkenntnis. Dennoch ist es gut, dass ein angesehener Ökonom endlich klar macht, was selbstverständlich ist: Wenn unsere Lebensgrundlage langfristig zerstört wird, nutzt uns kein kurzfristiges Wachstum. Von späteren Generationen ganz zu schweigen.

Ob sich diese Erkenntnis auch außerhalb Europas durchsetzt, vor allem in den USA, China und Indien, ist die entscheidende Frage. Dass sich die von der Umweltbewegung der 80er-Jahre fingierte „Weissagung der Cree-Indianer“ („Erst wenn der letzte Baum gerodet...“) erfüllt, kann auch dort niemand hoffen. Bei allen Formen der Energiegewinnung sollte deshalb die Umwelt- und Klimaverträglichkeit das erste Kriterium sein, nicht eines unter vielen. Darum sind auch nicht alle Kraftstoffe zukunftsfähig, die nicht fossil sind. Auch aus Pflanzen gewonnener Diesel wird in Motoren verbrannt, und bei manchen kommt mehr Kohlendioxid aus dem Auspuff als bei herkömmlichem Diesel oder Benzin, das aus Erdöl gewonnen wird. Die Vorsilbe „Bio“ allein sollte nicht schon die öffentlichen Fördertöpfe öffnen. Bisher ist das allerdings der Fall.

Bei neueren Biokraftstoffen der zweiten Generation (Biomass to Liquid, BTL) ist die Schadstoffbilanz positiver. Im Gegensatz zu Biodiesel der ersten Generation wird Biokraftstoff der zweiten Generation aus fester Biomasse (zum Beispiel Brennholz, Stroh, Bioabfall) und nicht nur aus Ölfrüchten hergestellt. Der Ertrag ist bedeutend höher, da die ganze Pflanze verwendet wird. Der von VW entwickelte „SunDiesel“ etwa bringt kein zusätzliches Kohlendioxid in die Atmosphäre ein. Bei der Verbrennung wird nur so viel Kohlendioxid frei, wie die Pflanzen beim Wachstum aus der Atmosphäre gebunden hatten. Bis zu 90 Prozent Kohlendioxid können angeblich im Vergleich zu herkömmlichem Dieselkraftstoff vermieden werden.

Eine von Daimler-Chrysler und der Stuttgarter Landesregierung in Auftrag gegebene Studie zeigt, dass entsprechende Anlagen zur Weiterverarbeitung der Biomasse zu BTL-Kraftstoffen wirtschaftlich arbeiten könnten, wenn die bereits in Pilotanlagen erprobten Verfahren großtechnisch zur Verfügung stünden. Energie-Analyst Enno Harks von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin sagt, dass sich Europas Transportsektor zu 30 Prozent auf solche Kraftstoffe stützen könnte. Der Ausstieg aus dem Erdöl durch Einstieg in die Biokraftstoffe werde durch das hohe „Konsens-potenzial“ der Landwirtschaftslobby in der EU, in Nordamerika, aber auch in anderen Ländern erleichtert.

Warum sollte es nicht möglich sein, die rund 250 Milliarden Euro Steuergeld, die in den OECD-Staaten insgesamt für Landwirtschaftssubventionen verwendet werden, zumindest teilweise für den Anbau kraftstofffähiger Pflanzen umzuwidmen? Die Landwirte und ihre mächtige Lobby sollten einverstanden sein. Stünden sie doch nicht mehr als Geld verschlingende Bremse des Welthandels da, sondern als Speerspitze der umweltverträglichen Industrie der Zukunft.

Für die Automobilindustrie sind die mittlerweile vorzuweisenden Entwicklungserfolge bei der zweiten Generation der Biokraftstoffe zwar lobenswert. Doch steht diesen ersten Anstrengungen der anhaltende Wahn gegenüber, mit dem gerade auch deutsche Automobilbauer beim benzindurstigen Wettrüsten mitmachen. Wenn bald die Masse der Autos mit Biokraftstoff betrieben würde, käme die automobile Gesellschaft übrigens dort wieder an, wo sie einst begonnen hatte: Auch der Treibstoff für die erste Autofernfahrt der Weltgeschichte von Berta Benz und ihren beiden Söhnen 1888 stammte aus pflanzlichen Ölen.

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