Biotechnologie
Harte Selektion

Während die Finanzmärkte mit einer Liquiditätsklemme kämpfen, ringt die kleine deutsche Biotechbranche in diesen Tagen mit ihrer ganz eigenen Vertrauenskrise.
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Das Debakel bei der Münchener GPC, die Ende Juli mit ihrem Krebsmittel Satraplatin im ersten Anlauf bei der US-Behörde FDA scheiterte, hat seither die Bewertungen des gesamten Sektors in Mitleidenschaft gezogen.Protagonisten der Branche können dabei den Skeptikern an der Börse völlig zu Recht entgegenhalten, dass einzelne Flops wenig über die generellen Perspektiven aussagen. Ausfälle oder Verzögerungen in der Entwicklung gehören zum Alltag im Pharmageschäft. Die Risiken sind bekannt. Und nicht jeder Fehlschlag bedeutet gleich das Ende. Schon häufiger haben totgesagte Produkte ein Comeback gefeiert. Auch über Satraplatin ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Doch ganz unabhängig davon geben strukturelle Veränderungen im Pharmabereich wie auch die längerfristigen Branchendaten durchaus Anlass für einen kritischen Blick auf die Verteilung von Risiken und Chancen in der Biotechindustrie. Seit der Gründung der US-Firma Genentech Mitte der 70er-Jahre hat die Branche inzwischen immerhin mehr als drei Jahrzehnte Erfahrung gesammelt.

Das Grundkonzept, neue molekularbiologische Techniken – insbesondere die Möglichkeit des Gentransfers – für die Erforschung und Produktion von Arzneimitteln oder Diagnostika zu nutzen, brachte wirklich spektakuläre Fortschritte. Zahlreiche gentechnisch hergestellte Pharmawirkstoffe, darunter etliche Bestseller mit Milliardenumsätzen, sind inzwischen auf dem Markt. Angeführt vom US-Konzern Amgen, gelang es einem guten Dutzend überwiegend US-amerikanischen Biotechfirmen, ein eigenständiges Arzneimittelgeschäft aufzubauen. Mindestens ebenso viele Firmen wurden auf dem Weg nach oben von großen Arzneimittelherstellern übernommen. Für „Big Pharma“ bilden Forschungsallianzen mit kleineren Biotechs seit Jahren eine der wichtigsten Innovationsquellen.

Diesen Erfolgen stehen freilich auch ein enormer Kapitalbedarf und eine riesige Zahl an gescheiterten Unternehmen gegenüber. Selbst wenn man die hohen Gewinne der Top-Unternehmen mit einbezieht, verbuchte die Biotechbranche insgesamt nach Daten von Ernst & Young 2006 weltweit einen Verlust von mehr als vier Milliarden Euro. Das heißt, finanziell glänzt die Branche bisher keineswegs mit einer überragenden Rendite. Der Löwenanteil der Erträge aus der Biotechnologie wird nach wie vor von großen etablierten Pharmakonzernen eingefahren. Die Chancen, mit einer Neugründung ein dauerhaftes Geschäft aufzubauen, dürften sich eher bei eins zu hundert als bei eins zu zehn bewegen.

Auf der anderen Seite fördert die Abhängigkeit von externer Finanzierung sowie ein umfangreiches Ökosystem aus Beratern, Informationsdiensten und Konferenzveranstaltern eine unterschwellige Neigung, die eigene Technologie zu aggressiv zu vermarkten und Substanzen voreilig in die klinischen Tests zu bringen.

Etliche Versprechen hat die Branche nicht erfüllt. Die Gentherapie etwa ist bis heute einen Erfolg schuldig geblieben. Die seit Jahren heftig zitierte „personalisierte Medizin“ steckt noch in den Kinderschuhen. Und die Hoffnung, aus Verfahren wie Genanalyse und kombinatorischer Chemie im ganz großen Stil neue Wirkstoffe hervorzubringen, ist mehr oder weniger komplett verpufft. Die zahlreichen Genomforschungsfirmen, die in den 90er-Jahren an den Start gingen, mussten fast notgedrungen auf die klassische Wirkstoffentwicklung umsteuern und dabei vielfach auf Substanzen zurückgreifen, die etablierte Pharmafirmen bereits aussortiert hatten. Die Grenzen zwischen der klassischen Pharma- und der neuen „Biotechindustrie“ haben sich auf diese Weise längst verwischt.

Dabei haben einzelne Firmen mit den neuen pragmatischen Strategien durchaus Erfolge. Aber in der Summe sind die Trefferquoten keineswegs höher als bei etablierten Pharmafirmen. Die strukturellen Veränderungen im Arzneimittelgeschäft dürften den Biotechsektor daher kaum unberührt lassen. Sie sind geprägt durch wachsende Risikoaversion der Zulassungsbehörden, höhere Anforderungen für die Wirksamkeitsnachweise, umfangreichere klinische Studien und intensivere Kosten-Nutzen-Analysen. Die Selektion unter den Neuentwicklungen wird damit härter, gleichzeitig wächst das Marktpotenzial für jene Produkte, die durchkommen. Das alles spricht dafür, dass sich auch das Chancen-Risiko-Profil für die jungen Biotechfirmen verschiebt. Tendenziell werden die Gewinne der Gewinner weiter steigen – ebenso wie die Zahl der Verlierer.

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