BIOTREIBSTOFF
Bejubelt und verfemt

Vom Heilsbringer zum ökologischen Alptraum, und das in knapp zwei Jahren: Ethanol, der einstige Biotreibstoff, heißt inzwischen schnöde Agrosprit.
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Der wird verantwortlich gemacht für steigende Lebensmittelpreise, neue Hungersnöte, brennende Regenwälder und verätzte Automotoren. Dabei soll er völlig nutzlos sein für den Klimaschutz. Aus dem pfiffigen „Sprit vom Acker“ ist unmoralisches „Brot im Tank“ geworden. Bei der heiß laufenden Diskussion wird derzeit übersehen: Wenn bei uns und in den USA die Ethanolgewinnung aus Weizen oder Mais und der Einsatz als Treibstoff weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll scheinen, muss das nicht überall gelten. Denn die Erfahrungen in Brasilien zeigen, dass der Treibstoffkreislauf für den Betrieb von Autoflotten aus nachwachsenden Rohstoffen funktioniert. Der Zuckeranbau nimmt geringe Flächen ein, andere Produktionen werden nicht verdrängt. Die Branche steigert seit Jahren die Effizienz ihrer Produktion.

Rund 7 000 Liter brennen die Produzenten heute pro Hektar Zuckerrohr und gewinnen in Biomassekraftwerken, wo sie Blätter und Stängel verbrennen, gleich noch den eigenen Strom dazu. In Pilotanlagen werden bereits 12 000 Liter gewonnen. Die Energiebilanz brasilianischen Ethanols ist heute schon siebenmal so hoch wie die von Ethanol aus Mais.

Der Wettbewerbsvorteil der Brasilianer wird noch zunehmen: Intensiv wird in brasilianischen Agro-Instituten an der zweiten Generation von Ethanolprodukten geforscht. Mit Enzymen sollen dann alle möglichen landwirtschaftlichen Abfälle verarbeitet werden. Die Ethanolgewinnung aus Zellstoffen verspricht Brasilien gewaltige Effizienzsprünge: Denn dafür kann auch Zellulose verwendet werden, und nirgends auf der Welt wird so preiswert Zellulose aus Eukalyptus gewonnen wie in Brasilien. Der deutsche Ethanol-Experte Peter Gross erwartet, dass ,,Brasilien auch mit der zweiten Generation der Ethanolgewinnung am billigsten weltweit produzieren“ wird.

Die Weltbank betont, Brasiliens Ethanolprogramm sei eine positive Ausnahme von den ansonsten in der Bilanz schädlichen Versuchen, Treibstoffe vom Acker zu gewinnen. Auch der streitbare Uno-Sonderbotschafter Jean Ziegler hält Brasiliens Produktion von Biosprit und dessen Einsatz in weiten Teilen für nachhaltig.

Wer Ethanol verteufelt, schüttet also das Kind mit dem Bade aus. Denn der Alkohol bietet für eine ganze Reihe ärmerer Staaten in Äquatornähe, die keine anderen Energievorkommen haben, eine Chance: Indem sie „die Sonne in den Tank packen“, können sie Devisen sparen und gleichzeitig Arbeitsplätze auf dem Land schaffen. In Zukunft könnten einige von ihnen Ethanol exportieren und Kohlendioxidemissionen reduzieren, ohne damit der eigenen Lebensmittelproduktion zu schaden.

Die brasilianische Geschichte des Ethanols aus Zuckerrohr macht aber auch deutlich, dass so etwas nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aufgebaut werden kann. In der Diskussion über Sinn und Unsinn von brasilianischem Ethanol halten sich hartnäckig drei Argumente: Regenwald werde für Zuckerplantagen abgebrannt, Arbeiter würden auf den Zuckerplantagen vielfach in sklavenartigen Verhältnissen gehalten, und die Armen Brasiliens bekämen nichts von den Gewinnen ab. Auch wenn die Kritik zum Teil an den Haaren herbeigezogen ist, gibt es auf Dauer nur eine tragfähige Antwort: Zertifizierung.

Alle Unternehmen, die künftig exportieren wollen, müssen nachweisen, dass sie Zuckerrohr anbauen und Ethanol herstellen, ohne der Umwelt oder gar ihren Mitarbeitern zu schaden. Die genauen Kriterien müssen gemeinsam zwischen den Produzenten und den Nachfragern ausgehandelt werden.

Im Moment sind wir Europäer uns nicht einig, was wir wollen. Jedes Land arbeitet für sich an eigenen Anforderungen. Importeure, die Beimischungsregeln befolgen müssen, zertifizieren selbst Ethanolanlagen in Brasilien, um importieren zu können. Diese Situation ist auf Dauer nicht tragbar. Produzenten aus dem Süden können nicht in eine Produktion investieren, wenn die Produktanforderungen sich jederzeit wieder ändern können. Fazit: Statt Ethanol pauschal zu kritisieren, sollten wir uns klar werden, zu welchen Bedingungen wir es einsetzen wollen.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika

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