BMW
In neuen Höhen

Bei BMW bricht eine neue Dekade an. Für 100 Millionen Euro baut der Konzern gerade ein neues Auslieferungszentrum am Münchener Olympiapark, die Gerüste fallen in diesen Tagen.

Darüber thront der frisch renovierte Vierzylinder – das denkmalgeschützte Verwaltungsgebäude ist aufwendig saniert worden. Und in der obersten Etage setzt sich morgen ein neuer Mann auf den Chefsessel: Norbert Reithofer, 50, ist ganz oben angekommen, um dort lange zu bleiben.

Reithofer übernimmt einen Vorzeigekonzern. Knirscht es seit Jahren in der deutschen PS-Branche, fährt BMW von einem Absatz- und Umsatzrekord zum nächsten. Kracht es in Wolfsburg, Rüsselsheim und Stuttgart regelmäßig zwischen Betriebsräten und Management, herrscht in München himmlischer Frieden. Exportiert die deutsche Industrie munter Arbeitsplätze, bauen die Münchener in Leipzig eine neue Autofabrik. BMW ist Marke und Magnet: Fragt man Universitätsabsolventen, wo sie am liebsten arbeiten würden, kommt BMW als erste Antwort.

Einfach so weitermachen, könnte deshalb als Arbeitsauftrag auf Reithofers Schreibtisch liegen. Doch genau das ist das Problem: Der Konzern hat eine tragische Fallhöhe erreicht. Industriell haben die Münchener das Blatt sehr weit gereizt. BMW hat sein Kernsegment, die sportliche Mittel- und Oberklasse, verlassen und ist in die Niederungen der Kompakt- und Kleinwagen vorgedrungen. In den vergangenen vier Jahren hat BMW seinen Absatz um 400000 Autos gesteigert und ist mit dem Mini und dem 1er-BMW in Bereiche vorgedrungen die bislang Volkswagen, Opel oder Ford vorbehalten waren.

Bisher ist alles gut gegangen: Während Daimler-Chrysler mit Smart Milliardenverluste schreibt, ist der Mini ein Erfolg. Als erste Amtshandlung wird Reithofer deshalb die erweiterte Mini-Produktion einweihen. Doch das rasante Absatzwachstum hat die Vorgaben der Kapitalmärkte nicht befriedigt. Kleinaktionäre grummeln, der Kurs tritt auf der Stelle. Und Analysten mäkeln, die Rendite gehe zurück. Doch anders als beim Rivalen in Stuttgart haben die Quartalsglücksritter der Börse in München nicht viel zu bestellen. Mit 46 Prozent des Aktienkapitals kontrolliert die Familie Quandt die Geschicke des Konzerns.

Aber auch der Großaktionär will seinen Einsatz gut verzinst sehen. Stillstand ist schleichender Niedergang. Deshalb plant BMW die nächste Expansion. Bis zum Ende des Jahrzehnts will der Autohersteller 1,6 Millionen Fahrzeuge verkaufen, bislang sind es lediglich 1,3 Millionen. Dabei muss BMW in Bereiche vorstoßen, in denen man sich nicht mehr wohl fühlt. 2008 sollen zwei neue Baureihen die letzten Nischen der Modellpalette füllen. Ein sportliches Geländecoupé und ein „raumfunktionales Konzept“ sind angekündigt – die verbrämte Wortwahl für eine eigentlich ungeliebte Großraumlimousine verdeutlicht, wie unsicher sich die Münchener auf diesem Terrain bewegen.

Denn mehr Modelle machen auch die Fertigung komplexer: Diesen Prozess rentabel zu gestalten dürfte eine der Hauptaufgaben des ehemaligen Produktionsvorstandes Reithofer sein. Auch geographisch will BMW expandieren. Weil in den USA und Japan die Absätze nur noch schwer, in Westeuropa praktisch gar nicht mehr zu erhöhen sind, haben sich die Münchener China und Indien als neue Zielregionen ausgeguckt. Nobelkarossen als Statussymbol stehen dort hoch im Kurs. Doch die automobile Gesellschaft in diesen Ländern hat Grenzen: In Indien gibt es keine Autobahnen, in China sind die Städte jetzt schon verstopft. Deshalb sind dies Wachstumsmärkte mit absehbaren Grenzen, vor allem wenn das Öl knapp wird.

Schließlich muss sich auch BMW mit Fragen beschäftigen, die der Freude am Fahren eher abträglich sind. Hohe Ölpreise und ein viel zu hoher Kohlendioxidausstoß zwingen die Branche zu einem Umdenken in der Antriebstechnik. Schon droht die EU-Kommission den Herstellern mit harten Gesetzen, sollte der CW2 Ausstoß nicht sinken. Spät schwenkt BMW auf eine Allianz mit Daimler-Chrysler und General Motors ein, die gemeinsam Hybridkonzepte entwickeln wollen. Ein Wasserstoffauto ist ebenfalls in der Entwicklung, mangels Infrastruktur für Jahrzehnte aber keine Alternative.Reithofer hat bei seinem Amtsantritt gesagt, dass er sich – anders als seine Vorgänger – stärker in gesellschaftliche Debatten einbringen will. Das wäre nicht nur für BMW, sondern für die ganze deutsche Industrie ein wichtiges Signal. Auf die Frage, wie zukünftiges Wachstum bei begrenzten Ressourcen aussehen soll, fehlen Antworten. BMW könnte einmal mehr zum Motor der deutschen Wirtschaft werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%