Börse
Es werde Licht!

Noch nie folgte einem fünften guten Börsenjahr in Folge ein sechstes. Warum sollte es ausgerechnet diesmal anders sein?
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Schließlich könnte die Ausgangslage kaum schlechter sein. Doch Vorsicht, Aktienmärkte entwickeln sich selten so, wie erwartet. Das lehren die letzten fünf Boomjahre mit einem Zugewinn des Dax von 260 Prozent ebenso wie die vorangegangene schwerste Baisse in der europäischen Börsengeschichte, als der Dax drei Viertel seines Wertes einbüßte.

Abgesehen von solchen Statistiken verheißt die Immobilien- und Finanzkrise mit ihren Folgen für die Weltwirtschaft nichts Gutes. Gleich zu Beginn des neuen Jahres erfahren wir aus den Jahresbilanzen, wer wie viele Milliarden abschreiben muss. Da drohen noch einige böse Entdeckungen. Und auch danach ist noch längst nicht entschieden, wie stark sinkende Häuserpreise, Zwangsversteigerungen, weniger Neubauten und vor allem die Schieflagen vieler Finanzinstitute auf die Gesamtkonjunktur abfärben. Anleger müssen sich in Geduld üben. Doch Unsicherheit hasst die Börse bekanntermaßen noch mehr als vollendete negative Tatsachen.

Mehr noch: Vollkommen überzogene Gewinnschätzungen für die amerikanischen Konzerne bergen in den nächsten Quartalen viel böses Überraschungspotenzial. Denn noch immer glauben Bankanalysten, dass die 500 schwergewichtigsten US-Unternehmen im nächsten Jahr ihre Nettogewinne um durchschnittlich 15 Prozent steigern. Woher solch eine Dynamik angesichts der hohen Ausgangslage nach den Rekordgewinnen in den vergangenen Jahren und der zu erwartenden Konjunkturschwäche in der größten Volkswirtschaft aber kommen soll, verraten die Analysten ihren erstaunten Kunden nicht. Da erscheinen die Prognosen für Deutschland und Rest-Europa, wonach die Firmen ihre Gewinne nur noch um gut fünf Prozent steigern werden, realistischer. Doch eine große Portion Unsicherheit überwiegt auch hier. Schließlich haben uns Analysten noch nie Gewinnrückgänge frühzeitig vorhersagen können. Genauso wenig wie Rezessionen.

All das nährt Spekulationen auf fallende Kurse im neuen Jahr. Hoffnung schenkt uns lediglich die Börsenweisheit, dass im Vorfeld bereits bekannte und erwartete Schwierigkeiten die Märkte kaum noch belasten. Der Grund: Anleger antizipieren diese Nachrichten bereits.

Auf der Positivliste stehen aber doch noch einige Details mehr. Schon heute hat die Finanzkrise viele Kurse stark nach unten gedrückt, was wiederum Potenzial für 2008 eröffnet. So notieren Bank-Aktien in Europa und den USA mehr als 20 Prozent unter ihrem Niveau vom Jahresanfang. Das gilt auch für Institute, wie beispielsweise die Deutsche Bank, die bislang keine nennenswerten Auswirkungen der Krise spüren. Anleger nehmen die Branche in Sippenhaft, solange nicht alle Probleme auf dem Tisch liegen. Im Umkehrschluss heißt das aber: Wer eines Tages unbeschadet aus der Krise herausgeht, dessen Aktien haben Potenzial nach oben.

Das gilt noch mehr für die gebeutelte Immobilien-Branche. In den USA ist der entsprechende Börsenindex um fast 80 Prozent eingebrochen. Davon ausgehend, dass nicht alle Gesellschaften pleitegehen und zumindest die großen wie beispielsweise die halbstaatlichen Anbieter Freddie Mac und Fannie Mae überleben, winkt hier auf Sicht mehrerer Jahre sehr viel mehr Auf- als Abwärtspotenzial.

Deutschland schöpft aus dem tief gefallenen ZEW-Index Hoffnung. Das sich aus den Einschätzungen vieler Finanzmarktakteure speisende Konjunktur-Barometer sackte zuletzt auf den tiefsten Stand seit 15 Jahren ab. Extrem niedrige Index-Stände waren in der Vergangenheit aber fast immer – das Jahr 2001 ist die einzige Ausnahme – ein hervorragendes Kaufsignal für die Aktienmärkte. Der Grund: Wer viel Pessimismus verbreitet, erwartet eher fallende als steigende Kurse und dürfte demnach bereits verkauft haben.

Darauf deutet auch die weltweit größte Umfrage unter Fondsmanagern hin. Gegenüber dem internationalen Investmenthaus Merrill Lynch zeigten sich die Experten in Amerika, Asien und Europa im Dezember so pessimistisch wie noch nie, seitdem die monatliche Befragung vor knapp zehn Jahren startete. Unisono heben die Börsenkenner hervor, dass die erwartete Eintrübung der Weltwirtschaft nichts Gutes für die Finanzmärkte verheißt.

Für ein sechstes positives Börsenjahr in Folge bedarf es allerdings zweifellos mehr als nur einer gehörigen Portion Pessimismus. Licht am Ende des langen Immobilien- und Finanzkrisen-Tunnels und damit weniger Unsicherheit als jetzt wären ein wichtiges Signal. So weit ist es aber noch nicht. Doch das Jahr 2008 hat schließlich nicht einmal begonnen.

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