Börsen
Der Dax spiegelt die Sorge über eine schlechtere Zukunft wider

Die Mehrheit der Anleger traut dem Aufschwung nicht über den Weg. Das belegen beispielsweise die historisch niedrigen Investitionsquoten der großen Versicherer und die tiefe Abneigung deutscher Sparer gegenüber der Anlageform Aktie.
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Der Dax steigt auf 6 400 Punkte und damit auf den höchsten Stand seit zwei Jahren. Doch auch wenn es so scheinen mag: Auf eine rosarote Zukunft spekulieren Anleger damit keineswegs. Im Gegenteil: Die Börse bleibt gegenüber dem rasanten Wirtschaftsaufschwung überaus skeptisch. Wäre sie es nicht, dann stände der Dax heute ein paar Tausender höher.

Als der Dax im Herbst 2008 das letzte Mal bei 6.400 Punkten notierte, rauschte Deutschland gerade in seine tiefste Rezession der Nachkriegsgeschichte. Die Unternehmen erlebten eine nie gekannte Absatzflaute. Allein staatlich getriebene Ausgabenprogramme, Kurzarbeit und eiserne Sparprogramme der Konzernmanager verhinderten damals, dass viele Firmen in die Insolvenz schlitterten. Jetzt verdienen die Unternehmen wieder prächtig, weil die Weltwirtschaft brummt. Und schon treiben Anleger die Kurse wieder nach oben. Doch eine neue Blase pumpen sie damit nicht auf.

Richtig ist zwar, dass viel billiges Geld die Märkte überschwemmt. Für Banken ist es ein lukratives Geschäft, sich beinahe zinslos bei den Notenbanken Geld zu leihen, dies in sichere Staatsanleihen anzulegen und obendrein mit einem Bruchteil des geliehenen Geldes ein wenig an den Aktienmärkten zu spekulieren. Das belegen Quartal für Quartal die enormen Gewinne in der Finanzindustrie, die vor allem auf starken Erträgen im Investment-Banking beruhen.

Doch weit schwerer als dieser sicherlich stimulierende Effekt überwiegt die tiefe Skepsis gegenüber den Börsen. Die Mehrheit der Anleger traut dem Aufschwung nicht über den Weg. Das belegen beispielsweise die historisch niedrigen Investitionsquoten der großen Versicherer und die tiefe Abneigung deutscher Sparer gegenüber der Anlageform Aktie. Nie zuvor in den vergangenen zehn Jahren gab es so wenig Aktionäre wie heute.

Wie tief die Skepsis verankert ist, belegen aber auch die Aktienkurse im Verhältnis zu den rasant gestiegenen Unternehmensgewinnen. Sie sind immer noch der wichtigste Treiber für die Börsen. Je mehr eine Firma verdient, desto mehr kann sie an ihre Aktionäre ausschütten oder in die Zukunft investieren. Desto eher kaufen Anleger also die entsprechenden Aktien. Derzeit kosten die großen europäischen Unternehmen an der Börse nur so viel, wie sie auf Basis der laufenden Gewinne in elf Jahren netto verdienen. Damit sind die Konzerne gut ein Drittel preiswerter als im Mittel der vergangenen 50 Jahre.

Anders ausgedrückt: Wären die europäischen Börsen "normal" bewertet, dann müssten sie um ein Drittel höher stehen – der Dax also bei 8.500 Punkten. Dass er auch in absehbarer Zeit so hoch nicht notieren wird, hat gute Gründe. Anleger hegen große Zweifel an der Nachhaltigkeit der gegenwärtig sprudelnden Firmengewinne.

Die ausufernde Staatsverschuldung der Industrienationen belastet die Aktienmärkte ebenso wie der Währungsstreit zwischen China und den USA. Börsianer fürchten einen Rückgang der Staatsausgaben und des Konsums, weil die Regierungen weniger investieren und zugleich die Steuern erhöhen könnten. Zugleich drohen mögliche Handelshemmnisse künftige Ausfuhren zu verteuern, worunter die exportfreudigen deutschen Unternehmen ganz besonders leiden würden. All das geht zulasten der künftigen Unternehmensgewinne.

Weil Börsen bekanntlich die Zukunft handeln, spiegelt die derzeit niedrige Bewertung also nichts anderes wider als die Sorge vor einer schlechteren Zukunft. Ein Gutes hat diese Skepsis jedoch: Überraschungen winken künftig wohl eher auf der positiven als auf der negativen Seite. Die Aktienkurse klettern. Aber nicht über das Vor-Krisen-Niveau.

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