Börsen
Gut vorbereitet

Wie aus heiterem Himmel infizierten sich Anleger mit dem schon ausgerottet geglaubten Virus „Nervosität“.

Seitdem die Kurse vor gut vier Wochen urplötzlich einbrachen, ist nichts mehr wie vorher. Doch was ist, nüchtern betrachtet, eigentlich passiert? In Deutschland, Rest-Europa und den USA fielen die Aktienkurse um durchschnittlich fünf Prozent, weil Börsianer das Platzen der Immobilienblase in den USA fürchten, dies mit Sorgen um das Finanzsystem und einer Rezession verbinden und obendrein auch noch die chinesischen Aktienmärkte für überhitzt halten. Daran gemessen, fallen die Reaktionen außerordentlich gering aus. So gering, dass sich die Frage aufdrängt: Warum knicken die Börsen nicht stärker ein?

Vorweg: Die Sorgen der Finanzmärkte sind berechtigt und kein Ausfluss übertriebener Hektik oder gar Panik. In China boomt die Wirtschaft unkontrolliert, was die Gefahr einer harten Landung heraufbeschwört. Was vor allem beunruhigt, ist der ungezügelte Run auf chinesische Aktien. Diese sind inzwischen, gemessen an den Firmengewinnen, höher bewertet als Papiere in den etablierten Industrieländern Europas. An Stelle eines üblichen Bewertungsabschlags – schließlich sind die Finanzmärkte in Schwellenländern risikoreicher als die eher trägen europäischen Börsen – blättern Investoren ausgerechnet im kommunistisch regierten China einen Aufschlag hin. Das ist ungesund und kann nicht lange gut gehen. Nicht auszudenken, wenn die zunehmend marktwirtschaftlich geprägte Stadtbevölkerung eines Tages politische Freiheiten einfordert. Insofern ist es folgerichtig und längst überfällig, wenn Investoren abrupt die Handbremse ziehen.

Die amerikanische Immobilienkrise ist noch realer. Denn neben New Century, dem größten unabhängigen Anbieter von Krediten an Schuldner mit geringer Bonität, haben mindestens 30 ähnliche Gesellschaften ihre Aktivitäten einstellen müssen. Weil die Hypothekenbanken ihre Risiken an dankbare Abnehmer wie Goldman Sachs, Deutsche Bank und Lehman Brothers weiterreichten, betrifft die Krise das gesamte Finanzsystem. Das Ausmaß ist zwar noch nicht absehbar, aber Unternehmen und Verbraucher werden gleichermaßen von Kreditausfällen und einbrechenden Immobilienpreisen betroffen sein. Die Sorge, dass sieben Jahre nach dem Aktiencrash unkontrolliert fallende Immobilienpreise neuerlich eine Rezession auslösen, sind berechtigt. Auch deshalb, weil sich der Konjunktur- und Gewinnzyklus nach fünf Jahren rasanten Wachstums ohnehin in einem sehr reifen Stadium befindet. Der Hinweis des früheren Notenbankchefs Alan Greenspan, Amerika könnte Ende des Jahres in eine Rezession rutschen, ist also ernst zu nehmen.

Bleibt die Frage, warum die Börsen nicht heftiger auf die Sorgen reagieren. Anfang des Jahrtausends hätte schon eine der Krisen das Zeug dazu gehabt, Kursverluste von 20 Prozent und mehr auszulösen. Des Rätsels Lösung liegt in der Ausgangsbasis, also darin, ob und wie die Märkte auf mögliche Gefahren vorbereitet sind. Damit ist nicht gemeint, ob und wie viel Sorgen die Börsen bereits verinnerlicht oder „eingepreist“ haben, wie es im Börsenjargon heißt. Diese Größe ist ohnehin nicht messbar. Gemeint ist, wie die Aktienmärkte den Wert der Unternehmen widerspiegeln. Nach der Euphorie Ende der 90er-Jahre traf die Rezession in den USA die Märkte unvorbereitet, weil Aktien weltweit zu hoch bewertet waren. In Deutschland kosteten die Anteilsscheine der großen Konzerne durchschnittlich den 28fachen Jahresgewinn. Das ist doppelt so viel wie üblich. Mitte der neunziger Jahre, als die US-Wirtschaft ebenfalls am Rande einer Rezession stand, bezahlten Anleger nur halb so viel. Das Ergebnis: Nach 2000 brachen die Aktienkurse ein, Mitte der 90er hielten sie sich stabil. Ähnlich war es in den 60er- bis 80er-Jahren: Rezessionen belasteten immer dann die Märkte nachhaltig, wenn Aktien zu teuer waren.

Zumindest die Ausgangslage am Vorabend einer künftig schwächeren Wirtschaft ähnelt der zur Mitte der 90er-Jahre. Gut möglich, dass die Börsen also nicht mit einem Einbruch reagieren. Nicht einmal dann, wenn die Rezession Wirklichkeit werden sollte.

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