Börsen
Leichtsinnige Bullen

In normalen Zeiten ist der Aktienmarkt ein zuverlässiger Indikator für das Wohlergehen einer Volkswirtschaft. Aktuell trifft dies aber ganz offensichtlich nicht zu. Der US-Immobilienmarkt liegt in Trümmern, es lauern Rezessionsgefahren. Der Dollar verliert stetig an Wert. Der Ölpreis liegt bei rund 80 Dollar. Die Finanzkrise ist längst nicht überwunden, wofür der massive Gewinneinbruch bei der Citigroup der vorerst letzte Beleg ist.
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Dennoch ist der Börsenindex Dow Jones in den letzten sechs Wochen um zehn Prozent gestiegen. Und in Deutschland nähert sich der Dax der Schallmauer von 8 000 Punkten. Verrückte Finanzwelt, könnte man sagen. An der Börse kommt es jedoch vor allem darauf an, wie man die Welt sieht: Nach Meinung der Bullen ist die Immobilienkrise halb so schlimm, nachdem die US-Notenbank versprochen hat, sie werde alles tun, um eine Rezession zu verhindern. Ein schwacher Dollar ist gut für den Export, was man an den Kursgewinnen internationaler Konzerne ablesen kann. Und die Wirtschaft hat gelernt, mit dem hohen Ölpreis zu leben. Und die Finanzkrise? Hat nicht die Wall Street gesagt, das Schlimmste sei überstanden? Insofern kann man die schlechten Zahlen der Citigroup auch als Schlussstrich unter ein düsteres Kapitel deuten. So gesehen, wirkt die Börsenwelt gleich viel freundlicher.

Die Zuversicht ist jedoch nicht nur Ansichtssache. Die Optimisten weisen darauf hin, dass Volatilität und Risikoprämien seit dem turbulenten Sommer zwar spürbar gestiegen sind, aber noch weit unter dem Niveau früherer Finanzkrisen liegen. Außerdem sind Aktien mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 17 immer noch relativ günstig zu haben. Der Grund: Das starke Gewinnwachstum der Unternehmen war bislang ein wesentlicher Kurstreiber. Zwar rechnen Analysten für das dritte Quartal nur mit einem Gewinnplus von knapp vier Prozent für die 500 größten US-Firmen. Bereits im Schlussquartal des Jahres sollen die Profite aber wieder zweistellig sprudeln. Für das erste Quartal 2008 sagt der Finanzinformationsdienst Thomson Financial gar ein Plus von rund zwölf Prozent voraus. Gespeist wird das kräftige Ge-winnwachstum vor allem aus dem Ausland. Die großen US-Konzerne verdienen heute rund 40 Prozent ihrer Erträge in Übersee. Durch den schwachen Dollar machen international aufgestellte Firmen dabei gleich doppelt Kasse: Einmal werden ihre Produkte im Vergleich zur Konkurrenz billiger und damit wettbewerbsfähiger. Zum anderen kassieren die Konzerne bei der Umrechnung ihrer Auslandsgewinne in Dollar einen Wechselkursertrag. Kein Wunder, dass die Multis zu den Lieblingen der Börse gehören.

Dass den Börsianern der Treibstoff für ihre Rally nicht ausgeht, haben sie einem merkwürdigen Umstand der aktuellen Finanzkrise zu verdanken: Trotz Kreditklemme herrscht keineswegs überall ein Mangel an Liquidität. Anleger aus den Ölstaaten schwimmen im Geld und suchen nach attraktiven Anlagemöglichkeiten. Der Risikoschock auf den Kreditmärkten hat Aktien im Vergleich zu vielen Anleiheprodukten wieder interessanter gemacht. Und Staatspapiere sind in Zeiten sinkender Zinsen keine dauerhafte Alternative für renditehungrige Investoren. Die rosarote Weltsicht beruht allerdings auf Hoffnungswerten. So vertrauen die Bullen darauf, dass die Liquiditätsspritze der US-Notenbank die größte Volkswirtschaft der Welt vor einer Rezession bewahrt. Ob die Medizin der Fed aber tatsächlich wirkt, ist alles andere als sicher. Erst wenn die zweite Welle von Zahlungsausfällen auf dem Immobilienmarkt mit voller Wucht die Wirtschaft erreicht, wird sich zeigen, wie standhaft die US-Verbraucher sind. Dass die Citigroup ihre Reserven für Kreditausfälle im Konsumentengeschäft um 2,6 Milliarden Dollar erhöht hat, ist kein gutes Zeichen.

Kaum realistisch erscheint auch die Hoffnung, die Firmengewinne könnten weiterhin zweistellig steigen, selbst wenn das nominale Wirtschaftswachstum nicht über fünf Prozent hinauskommt. Historisch gesehen, lässt sich die Börsenrally ohnehin auch ganz anders einordnen. So gab es nach der Finanzkrise 1998 ebenfalls eine Zinssenkung gefolgt von einem Feuerwerk an den Aktienmärkten. Doch wenige Jahre später kam es zum Börsencrash.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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