Börsendeal als Verrat
Kultur des Misstrauens

Die beschlossene Fusion der in Paris ansässigen Vierländerbörse Euronext mit der amerikanischen New York Stock Exchange hat die Bundesregierung irritiert. Aber wird die Kanzlerin das heikle Thema bei ihrem Zusammentreffen mit Staatspräsident Chirac ansprechen?

Wird Angela Merkel das heikle Thema offen ansprechen? Oder wird sie ihren Ärger lieber für sich behalten? Die Berater der Kanzlerin waren sich Ende vergangener Woche noch nicht sicher, welches Vorgehen sie ihrer Chefin empfehlen sollten für den informellen Meinungsaustausch mit Staatspräsident Jacques Chirac heute in Rheinsberg.

Lust dazu, dem Präsidenten einmal deutlich die Meinung zu sagen, verspürt Angela Merkel bestimmt. Denn die vor wenigen Tagen beschlossene Fusion der in Paris ansässigen Vierländerbörse Euronext mit der amerikanischen New York Stock Exchange hat die Bundesregierung irritiert. Dass die von einem Franzosen geführte Euronext der Deutschen Börse die kalte Schulter zeigte, wird nicht nur in Frankfurt, sondern auch in Berlin als Affront empfunden. Schließlich gab es einmal einen deutsch-französischen Traum von einem vereinigten und starken europäischen Finanzmarkt als Gegenpol zur übermächtigen amerikanischen Wall Street. Wer an diesen Traum geglaubt hat, der empfindet den französisch-amerikanischen Börsendeal als Verrat.

Gut möglich, dass die Kanzlerin Chirac dennoch mit keinem einzigen kritischen Wort behelligt. Merkels Umgebung befürchtet, dass Chirac die deutsche Regierungschefin auflaufen lässt. Womöglich werde der Präsident jede Verantwortung für den Börsendeal ablehnen mit dem Hinweis, dass es sich schließlich um ein privates Geschäft zwischen privaten Unternehmen handele. Damit wäre die Kanzlerin schachmatt gesetzt. Wer in der Vergangenheit die liberale Fahne schwenkte und den Franzosen übertriebenen staatlichen Interventionismus in der Wirtschaft vorwarf, kann jetzt nicht plötzlich das Gegenteil fordern.

Seite 1:

Kultur des Misstrauens

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%