Börsenfusion
Kommentar: Frankfurt feiert mit gebremstem Schaum

Endlich ist die Deutsche Börse am Ziel. Nach unzähligen gescheiterten Versuchen, sich mit einer Übernahme auf die Herausforderungen der globalen Märkte von Morgen einzustellen, kann sie endlich einen Erfolg verbuchen.
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Mehrere Anläufe, die Börsen London, Mailand, Paris zu übernehmen oder in unterschiedlichen Kombinationen zusammenzuführen, sind in den vergangenen knapp zehn Jahren gescheitert. Für zwei Mrd. Dollar übernimmt Frankfurt nun die US-Derivatebörse ISE und erschließt sich damit den boomenden US-Markt. Die erste nennenswerte Akquisition seit dem Kauf des Wertpapierabwicklers Clearstream im Jahr 2002. Aber es scheint, als wolle in Frankfurt nicht wirklich Freude aufkommen.

Börsenchef Reto Francioni gleicht einem Fußballer, der das Führungstor für sein Team erzielt hat, aber ohne Jubel zur Mittellinie zurücktrottet. Nur nicht auffallen, scheint die Devise zu sein. Er und sein Derivatechef Andreas Preuss beobachteten den entscheidenden Schlusspunkt der Übernahme aus dem Urlaub. Eine Pressenotiz aus der verwaisten Zentrale, das war's. Der Grund: Beiden Managern sitzen Hedge-Fonds im Nacken, die den Deal am liebsten sabotiert und eine Ausschüttung des Geldes an die Aktionäre erzwungen hätten. Nur mit Mühe konnten sie besänftigt werden.

Ist diese Transaktion denn nun der Befreiungsschlag für die Frankfurter Börse, nachdem praktisch alle Wunschpartner in Europa entweder miteinander fusioniert oder durch eine US-Börse übernommen wurden? Für die Deutsche Börse AG als privatwirtschaftliches Unternehmen vermutlich schon. Kaum ein Markt wächst derzeit so schnell wie das US-Geschäft mit Aktienoptionen und anderen Derivaten. Die ISE ist hier frühzeitig mit einem vollelektronischen Handelssystem aufgetreten, als andere US-Börsen noch den althergebrachten Parketthandel auf Zuruf praktizierten. Der Frankfurter Derivatechef Preuss kennt den US-Markt außerdem so gut, dass man von ihm erwarten kann, dieses Potenzial auch tatsächlich zu nutzen. Für die Bemühungen um den Finanzplatz Europa dagegen ist die Entwicklung der vergangenen zwölf Monate ein Desaster. Statt einer oder zwei großer Börsenplattformen von Weltformat zersplittert der Börsensektor des Alten Kontinents. Paris wurde von der New Yorker Börse gekauft, die Nasdaq kontrolliert weitgehend die Londoner Börse und steht vor dem Kauf der skandinavischen Großkonzerns OMX.

Mailand will sich an London anlehnen und die Börsen Madrid, Zürich, Warschau oder Wien machen vorläufig in Eigenständigkeit. Weil nationale Egoismen alle Bemühungen für europäische Lösungen zum Scheitern verurteilten, ist das Börseneuropa heute also ein bunter Flickenteppich. Unter dem Strich ist die Übernahme der ISE durch die Deutsche Börse daher nicht allein aus Vorsicht gegenüber den Hedge-Fonds nur sehr eingeschränkt ein Grund zu feiern. Der Schaden für den europäischen Kapitalmarkt dürfte irreparabel sein.

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