Börsig vs. Ackermann
Machtspiel bei der Deutschen Bank

Die Deutsche Bank hat es geschafft, sich selbst in eine Krise zu manövrieren. Und am Dienstag ist der Tag, an dem das sichtbar wird. Nicht etwa, wenn Josef Ackermann im HRE-Untersuchungsausschuss aussagen soll. Und schon gar nicht bei der Vorlage der Zahlen für das zweite Quartal. Der heikelste Termin dieses Tages ist die Aufsichtsratssitzung. Im Fokus: Clemens Börsig.

Die Deutsche Bank hat es geschafft, sich selbst in eine Krise zu manövrieren. Und morgen ist der Tag, an dem das sichtbar wird. Der harmloseste Termin am Dienstag ist die Präsentation des Ergebnisses für das zweite Quartal. Die Zahlen werden voraussichtlich nicht schlecht aussehen. Etwas ungemütlicher dürfte es für Josef Ackermann am Nachmittag werden, wenn er im HRE-Untersuchungsausschuss aussagen soll. Doch der Deutsche-Bank-Chef ist trainiert für solche Auftritte. Victory-Zeichen werden ihm nicht mehr passieren, und letztlich wird es schwer für seine Kritiker, seinen Ruf als Koordinator der ersten Feuerwehreinsätze zur Rettung der HRE zu erschüttern. Nein, an diesen Schauplätzen droht der Bank morgen keine Gefahr.

Der heikelste Termin dieses Tages ist die Aufsichtsratssitzung des Geldinstituts. Dabei wird niemand darum herumkommen, sich über das Verhältnis der Bank und ihres Vorstands zum Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Börsig Gedanken zu machen. Börsig steht unter enormem Druck. Sein Grundproblem ist, dass er an seiner vornehmsten Aufgabe, nämlich einen Nachfolger für Ackermann zu finden, grandios gescheitert ist. Dazu kommt, dass er dieses Scheitern versuchte zu vertuschen, indem er ausgerechnet sich selbst als Nachfolger ins Spiel brachte. Als auch das misslang, hätte er zurücktreten sollen. Das war im Mai.

Doch Börsig ist noch im Amt, und die Konsequenzen sind mittlerweile unübersehbar: Alle Welt zerreißt sich den Mund über einen Machtkampf zwischen Börsig und Ackermann. Was sonst so läuft in der Bank, ist zweitrangig geworden. Eine hässliche Datenaffäre belastet den obersten Aufseher zusätzlich. Er soll den Auftrag für schmutzige Spitzeldienste gegeben haben. Der Umstand, dass die Affäre unmittelbar nach Börsigs Pannen bei der Nachfolgesuche und seinem ausgebliebenen Rücktritt an die Öffentlichkeit gelangte, legt einen Verdacht nahe: Börsigs Gegenspieler in der Bank haben die Datenaffäre gezielt genutzt. Trifft die These zu, dass ein Machtkampf zwischen Vorstand und Aufsichtsratschef im Gange ist, könnte den Vorstand die deutlicher werdende Rolle Börsigs im Skandal sogar freuen.

Doch Achtung: Er würde sich zu früh freuen. Die Affäre kann aus dem Ruder laufen. Wer immer sie losgetreten hat, wird Mühe haben, die Geister, die er rief, wieder loszuwerden. Verliert Ackermann, hat die Bank ein Riesenproblem, weil er bislang nicht zugelassen hat, dass ein anderer in seine Fußstapfen wächst. Geht Börsig, dürfte das die Bank verkraften, aber einen Nachfolger hat sie trotzdem nicht. Damit steckt die Bank in einem Dilemma. Glückwunsch, meine Herren!

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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