BRASILIEN
Arm hilft Reich

Vor rund fünf Jahren gefiel sich der damalige US-Schatzsekretär Paul O’Neill noch darin, bei jeder Gelegenheit auf die „Klempner und Tischler“ in den USA hinzuweisen, denen man als Steuerzahler nicht zumuten könne, dass ihr Geld in Rettungspaketen des Internationalen Währungsfonds für Lateinamerika verschwendet würde.

Wie schnell sich die Dinge ändern. Heute finanzieren zunehmend die „Klempner und Tischler“ in China, Russland und Brasilien den US-Konsum. Denn das Leistungsbilanzdefizit der USA hat sich seitdem auf fast 800 Milliarden Dollar verdoppelt. Es wird größtenteils durch Schulden finanziert – und die Gläubiger sind immer mehr die Zentralbanken der Schwellenländer. China wird bald eine Billion Dollar an Devisenreserven haben, Russland rund 150 Milliarden Dollar. Und auch Brasilien, das noch vor wenigen Jahren nur durch einen großzügigen Hilfskredit des IWF einen Zahlungsausfall wie Argentinien verhindern konnte, ist mittlerweile zum Netto-Kapitalexporteur geworden: Die Reserven der brasilianischen Zentralbank werden bald auf 100 Milliarden Dollar angewachsen sein – so hoch wie die Reserven Indiens heute schon sind.

Die Verwandlung Brasiliens vom chronischen Defizitland zum Kapitalexporteur vollzog sich in kürzester Zeit: Seit 2003 erwirtschaftet der südamerikanische Agrargigant wachsende Leistungsbilanzüberschüsse und steigende Devisenreserven. Sie führen dazu, dass Brasilien zum Gläubiger der Länder wird, denen gegenüber es einen Positivsaldo im Handel erzielt. Geholfen haben dabei die hohen Rohstoff-Preise und das Interesse der ausländischen Investoren an Brasilien.

Die negative Folge ist: Der brasilianische Real hat sich durch die ausländische Nachfrage um fast 50 Prozent verteuert. Würde die Zentralbank nicht monatlich für ein paar Milliarden Dollar Devisen auf dem Kapitalmarkt kaufen und die Märkte im Gegenzug mit lokaler Währung füttern, würde der Real noch an Wert zunehmen. Von den Interventionen profitieren wiederum die USA, denn Brasiliens Zentralbank legt die Dollar in US-Anleihen an.

Das Nachsehen haben die brasilianische Landwirtschaft und die Industrie, die wegen des teuren Reals unter Druck kommen. Brasilien wächst weniger, als es könnte.

Das Phänomen des Kapitalflusses von Arm zu Reich hat auch schon einen Namen: Das Lucas-Paradox, benannt nach dem Ökonomen Robert Lucas, der 1995 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekam: Der Standardlehre zufolge sollte Kapital von reichen in arme Länder fließen, bis es in allen Ländern die gleichen Erträge abwirft. Lucas zeigte jedoch in einem Vergleich der USA mit Indien für das Jahr 1988, dass die Investitionen in Indien um ein Vielfaches ertragreicher waren als in den USA. Dies hätte eigentlich einen massiven Kapitalfluss aus den USA nach Indien auslösen müssen. Das war aber nicht der Fall. Forscher machen vor allem einen Mangel bei der Qualität der Institutionen, der Rechtssicherheit und bei lukrativen Anlagemöglichkeiten in Schwellenländern für dieses Phänomen verantwortlich.

Höhere Erträge in Entwicklungsländern ziehen also nicht mehr Kapital an, weil in diesen Ländern das Risiko höher ist. Die Wahrscheinlichkeit einer Enteignung oder einer politischen und wirtschaftlichen Krise ist dort größer. Eine ungenügende soziale Absicherung der Menschen wie zum Beispiel in China sorgt zudem dafür, dass die Menschen mehr sparen, was den Leistungsbilanzüberschuss zusätzlich steigert.

Seit Paul O’Neill vor fünf Jahren über die Verluste seiner Tischler und Klempner klagte, hat sich das Lucas-Paradox extrem verschärft, wie der Abfluss brasilianischen Kapitals in die USA zeigt. Ging es Lucas noch darum, dass zu wenig Kapital von reichen in arme Länder fließt, so fand mittlerweile eine Zuspitzung statt. Kapital fließt aus armen Ländern in die reichen Länder, insbesondere in die USA.

Der IWF-Chefökonom Raghuram Rajan stellte auf der jüngsten Konferenz der Federal Reserve Bank in Jackson Hole ein Papier vor, in dem gezeigt wird, dass Entwicklungsländer nicht notwendigerweise weniger wachsen, wenn sie weniger ausländischen Kapitalzufluss haben. Doch das ist nur ein schwacher Trost. Denn wenn die US-Wirtschaft schwächelt und der Dollar und US-Schatzanleihen an Wert verlieren, ist in jedem Fall klar, wer die Hauptverlierer sind: die „Klempner und Tischler“ in China, Russland und Brasilien.

Entlastung kommt von anderer Seite: Die lokalen Finanzmärkte von großen Schwellenländern wie Brasilien werden attraktiver. In den Portfolios der Investmentfonds nehmen Lokalwährungsanlagen und Aktien aus China oder Brasilien nach und nach einen größeren Platz ein, was die Gesamttendenz aber noch nicht umkehrt.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
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Handelsblatt / Korrespondentin
Alexander Busch
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Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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