Brasilien
Auf der Weltbühne

Trotz des klaren Sieges hält sich die Begeisterung über die Wiederwahl von Präsident Lula in Grenzen, sowohl in Brasilien als auch im Ausland. Weitere vier Jahre politische Stagnation gepaart mit schwachem Wachstum, geringen Investitionen und hässlichen Begleiterscheinungen wie steigender Kriminalität und Korruption, lautet die Kritik.

So berechtigt die Zweifel an Lulas Amtsführung zumindest teilweise sein mögen, die Kritiker übersehen aber das Entscheidende: Brasilien befindet sich auf dem Sprung zur wirtschaftlichen Großmacht. Bereits jetzt spielt rund ein Dutzend brasilianische Konzerne weltweit auf Augenhöhe mit ihren Konkurrenten aus den Industrieländern. Dies vollzieht sich weitgehend unbemerkt, denn die Aufmerksamkeit der internationalen Geschäftswelt konzentriert sich meist auf China und Indien. Dass es sich bei Brasilien um die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt handelt, wird leicht ignoriert.

Die Boston Consulting Group hat unter den 100 Unternehmen aus den Emerging Markets, die künftig zu den Großen in ihren Branchen weltweit zählen werden, zwölf brasilianische Konzerne ausgemacht. Vier davon sind in der zehnköpfigen Spitzengruppe der Herausforderer vertreten. Hierzu zählen unter anderen der Erzkonzern CVRD, der gerade mit der Übernahme des kanadischen Nickelförderers Inco zu den ganz Großen unter den Bergbaukonzernen der Welt aufgestiegen ist. Und Embraer hat sich inzwischen zum drittgrößten Flugzeugbauer auf diesem Globus gemausert. Auf der Liste stehen zudem Embraco, Weltmarktführer bei Kompressoren für Kühlschränke mit eigener Produktion in China, sowie der Hersteller von Elektromotoren, Weg, der neben Siemens und General Electric zu den drei größten Produzenten seiner Branche weltweit zählt.

Einen wichtigen Impuls für den Sprung auf den Weltmarkt erhalten brasilianische Unternehmen durch die Nachfrage aus Fernost. So ist das südamerikanische Land im Sog des Asien-Booms in wenigen Jahren zu einem der führenden Agrar- und Rohstofflieferanten der Weltwirtschaft geworden. Kaum eine Volkswirtschaft ist weltweit besser geeignet, den Aufstieg Chinas und Indiens zur Weltmacht zu begleiten, als Brasilien. Doch Brasilien ist mehr als nur das Rohstofflager. Seine Exporte von verarbeiteten Produkten sind inzwischen fast doppelt so hoch wie jene von Rohstoffen.

Dass Brasiliens Wirtschaft auf den Weltmärkten so stark mitmischen kann, hat es einerseits ausländischen Konzernen zu verdanken. Denn seit Mitte der 90er-Jahre findet man Brasilien stets auf der Liste der aufstrebenden Volkswirtschaften mit den höchsten ausländischen Direktinvestitionen. Und die Unctad zählt das Land zu den fünf attraktivsten Standorten weltweit für neue Fabriken und Anlagen.

Andererseits können Brasiliens Konzerne auch auf eigene Forschung und Entwicklung zurückgreifen. Dies gilt insbesondere für die Flugzeugindustrie, aber auch für die Landwirtschaft. Zudem verfügt das Land über das weltweit führende Know-how zur Herstellung von Ethanol als Alternativtreibstoff.

Ein ganz wesentlicher Grund für diese Entwicklung ist die wirtschaftliche Strategie der Regierung unter Präsident Luiz Ignácio Lula da Silva. Der ehemalige Schlosser und Gewerkschafter hat in seiner ersten Amtszeit die Rahmenbedingungen dafür geschaffen, dass Unternehmen seines Landes den Rückenwind der Weltwirtschaft nutzen konnten. Der Präsident hat schnell gelernt, dass er seine Popularität vor allem seiner konservativen Geld- und Wirtschaftspolitik verdankt, die er von seinem Vorgänger übernommen hat. Inzwischen ist die Inflation unter Kontrolle, der Haushalt im Gleichgewicht und die Auslandsverschuldung kein Thema mehr. Brasilien produziert Leistungsbilanzüberschüsse und häuft Devisenreserven an.

Fünf Millionen neue Arbeitsplätze haben Brasiliens Unternehmen seit Lulas Amtsantritt geschaffen. Mit seiner Sozialpolitik, die insbesondere auf Brasiliens 30 Millionen Arme abzielt, sichert sich der Präsident geschickt politische Unterstützung. Und diese wiederum sorgt für politische Stabilität: Unter Lula haben Populisten in Brasiliens Politik keine Chance. Das ist ein nicht zu unterschätzender Standortfaktor, jedenfalls im Vergleich zu anderen Ländern auf dem Subkontinent.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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