Brasilien
Mit Filz und staatlicher Finanzmacht zum Erfolg

Die Brasil SA ist eine brasilianische Variante der früheren Deutschland AG. Sie ist nicht frei von Mängeln, bietet den Unternehmen und ausländischen Investoren aber mehr Freiheiten und Stabilität als konkurrierende Modelle in den Schwellenländern.
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Brasilien könnte bald die fünftgrößte Volkswirtschaft weltweit werden. Für den Erfolg ist vor allem die Brasil SA verantwortlich: Ein Zusammenspiel des Staates als Finanzier und Aufseher mit der Wirtschaft, bei dem die Unternehmen nach modernen Corporate-Governance-Regeln geführt werden, souverän die Finanzmärkte nutzen und auf die Weltmärkte streben. Brasilien bietet ein Entwicklungsmodell für aufstrebende Volkswirtschaften weltweit, eine erfolgreiche Alternative zu den autoritären Wirtschaftsmodellen anderer Länder und den gescheiterten neoliberalen Ansätzen.

Wer anschaulich verstehen will, warum Brasilien so wenig unter der weltweiten Wirtschaftskrise leidet, dem empfehle ich einen Spaziergang durchs Zentrum Rio de Janeiros. Zwischen der Haltstelle, von der aus die Straßenbahn über den Aquädukt in das Altstadtviertel Santa Teresa losrumpelt, und dem Hafengelände, das für Olympia herausgeputzt werden soll, ist die Brasil SA zu sehen, das Gravitätszentrum der brasilianischen Wirtschaft.

In diesem schwer durchschaubaren Interessengeflecht zwischen Staat und Wirtschaft fallen die Entscheidungen über Brasiliens Entwicklung. Ganz entfernt ähnelt es der Deutschland AG miteinander verflochtener Banken, Versicherungen und Großunternehmen der deutschen Nachkriegszeit. Doch während die Deutschland AG weitgehend abgewickelt wurde, funktioniert die Brasil SA besser denn je. Sie ist verantwortlich dafür, dass Brasilien in vermutlich weniger als einer Dekade Frankreich und Großbritannien wirtschaftlich überholen dürfte.

Im Zentrum von Rio bietet sich die Gelegenheit, dieses Netzwerk in seinen Dimensionen zu begreifen: Da steht neben der futuristischen Kathedrale der riesige, silbern-metallisch glänzende Würfel der Petrobras, des brasilianischen Öl- und Gaskonzerns, eines der größten Energiekonzerne weltweit. Direkt gegenüber schwebt elegant auf einem schmalen Fuß balancierend, schwarz verspiegelt und 30 Stockwerke hoch die nationale Entwicklungsbank BNDES (Banco Nacional de Desenvolvimento Econômico e Social). Die Staatsbank finanziert sich aus den Beiträgen der brasilianischen Arbeitsversicherung und ist die drittgrößte Entwicklungsbank der Welt.

In Südamerika sind die Finanzierungen der BNDES weit wichtiger als die Kredite aller internationalen Entwicklungsbanken wie Weltbank oder bilaterale Entwicklungsprogramme zusammen. Mit ihr verfügen Brasiliens Konzerne über einen Finanzier, ohne den sie auf dem Weltmarkt kaum wettbewerbsfähig sein könnten, weil ausländische Investoren und die Börse erst seit kurzem mit Kapital bereitstehen. Neben der Bank stehen zwei mächtige Hochhäuser im nüchternen Betonschick der Sechziger, die der Caixa Econômica Federal gehören, der größten Sparkasse Lateinamerikas. Ihr gegenüber, auf Augenhöhe mit Petrobras, steht das wuchtige Gebäude der Banco do Brasil, der größten Staatsbank Lateinamerikas. Etwas weiter runter in Richtung Bucht gelangt man zum Büroturm der Vale, der Nummer zwei unter den Bergbaukonzernen weltweit.

Nach Büroschluss wirken die hell erleuchteten Bürotürme der Brasil SA vor dem Zuckerhut und der Guanabara-Bucht wie mächtige Tanker im Meer - und genau das sind sie für Brasiliens Wirtschaft. In der Krise hat sich ihre Schubkraft als hilfreich erwiesen, um die Wirtschaft auf Kurs zu halten. Während weltweit die Regierungen darüber nachdachten, wie sie die staatlichen Milliardenkredite zu den richtigen Unternehmen kanalisieren könnten, öffnete die brasilianische Regierung einfach die Kredithähne: über die BNDES und die zwei Staatsbanken. Während private Geldhäuser in Brasilien wie überall auf der Welt in der Krise ihre Portfolios zurückfuhren, weiteten die öffentlichen Institute ihre Kredite aus und übernahmen das Geschäft der klammen mittleren Institute.

Die Sparkasse Caixa erhöhte die Schlagzahl beim Wohnungsbauprogramm, Banco do Brasil finanzierte die Farmer. Außerdem nutzte die BNDES die Krise, um nationale Champions zu fusionieren: In der Zellstoffbranche und der Landwirtschaft ist das schon geschehen, weitere Konsolidierungen bei Pharma, Stahl, Petrochemie und Software sind in Arbeit.

Gleichzeitig sorgten Konzerne wie Petrobras mit ihrer Investitionspolitik dafür, dass auch in der Krise Arbeitsplätze geschaffen wurden. Petrobras wird in den nächsten fünf Jahren 174 Milliarden Dollar investieren und ist vermutlich der Konzern mit dem höchsten Investitionsbudget weltweit. Seine Investitionen umfassen nicht nur die Förderung und Verarbeitung von Gas und Öl, sondern die gesamte Zulieferer- und Vertriebskette von Werften für Ölplattformen bis zum Tankstellennetz. Der Konzern ist wie der Erzgigant Vale ein gutes Beispiel dafür, nach welchem hybriden Modell die Brasil SA funktioniert. Es ist eine ganz eigene Mischung aus Markt und Staat.

Denn einerseits hat in beiden Unternehmen der Staat trotz der Privatisierungen das letzte Wort, über verschiedene Kanäle: Einerseits hält der Staat direkt Anteile an den Unternehmen. An Petrobras besitzt der Staat mehr, an Vale weniger, aber genug, um bei allen wichtigeren Entscheidungen das Veto einlegen zu können. Doch der Einfluss des Staates reicht weiter. Auch die BNDES sitzt im Board bei Vale und Petrobras, wie in 30 anderen brasilianischen Großkonzernen. An 120 Unternehmen hat der Staat bedeutende Kapitalanteile. Mit seinen Finanzierungen fördert er zudem Brasiliens eigene Entwicklung und Forschung: Brasiliens Konzerne verfügen heute in Agrarwirtschaft, Energie samt Biotreibstoffen, Bergbau, Stahl, aber auch im Flugzeugbau über eigene Technologie und Fachwissen. Das ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil auf dem Weltmarkt.

Über die Pensionsfonds, die an den Staatsbanken hängen, besitzt der Staat weiteren Einfluss auf die Unternehmen. Sie haben mit etwa 200 Milliarden Dollar Kapital Schlüsselpositionen in der brasilianischen Wirtschaft als Finanzier. Zwar gab es in Brasilien bereits Vorgänger für die Brasil SA, wie unter Diktator Getúlio Vargas in den dreißiger Jahren, dem Brasília-Bauer Juscelino Kubitschek in den fünfzigern und den Militärs in den siebzigern: ein Wirtschaftsmodell, in dem der Staat das Sagen hat und mit Hilfe ausländischen Kapitals versucht wird, das Land im Eiltempo zu entwickeln.

Das endete in der Vergangenheit jedes Mal in Inflation. Diesmal nicht. Denn die heutige Brasil SA wurde um entscheidende Details erweitert: Der Markt ist zugelassen, und die Mitglieder der Brasil SA bewegen sich souverän auf Finanzmärkten und Börsen. Ausländische Fonds als wichtige Anleger Ihre Manager verstehen etwas von moderner Unternehmensführung. Petrobras und Vale sind die wichtigsten brasilianischen Konzerne nach Umsatz, Börsengewicht und internationalem Auftritt. Beide Unternehmen haben Aktien sowohl in São Paulo als auch in New York an den Börsen gelistet. Petrobras ist derzeit nach Börsengewicht das fünftgrößte Unternehmen weltweit. Ausländische Fonds und große private Banken sind wichtige Aktionäre, die Unternehmen werden regelmäßig von Analysten wegen ihrer exzellenten Corporate-Governance-Standards gelobt. Den überzeugenden Vertrauensbeweis für die Börse lieferten die Investoren dieses Jahr: Inmitten der Krise fanden zwei der größten Börsengänge weltweit an der Bovespa statt. Noch vor kurzem wäre das undenkbar gewesen.

Doch trotz ihres Erfolgs ist die Brasil SA umstritten, gerade auch in Brasilien. Derzeit wird heftig darüber diskutiert, ob deren bürokratisch-korporatistische Macht nicht einen schleichenden Demokratieverlust bedeutet: Der Staat verleibe sich immer mehr Bereiche der Zivilgesellschaft ein. Gewerkschaften, Unternehmen, Banken, soziale Bewegungen würden von Schatzamt und BNDES alimentiert. "Der übermächtige Staat wird ein Schiedsrichter über die gesellschaftlichen Bedürfnisse", kritisiert Fernando Henrique Cardoso, der Vorgänger Lulas als Präsident. Während Cardoso mit seiner Stabilisierung, Privatisierung und Marktöffnung der brasilianischen Wirtschaft in den neunziger Jahren eine neue Dynamik verschafft hat, erhöhte der ehemalige Arbeiterführer Lula, als sein Nachfolger, den Einfluss des Staates.

Cardoso übertreibt, wenn er den Filz und die Korruption im bestehenden System als einen neuen Peronismus beschreibt, also ein diktatorisches Staatsmodell wie in Argentinien. Dennoch hat er recht, wenn er behauptet, dass unter Lula die Konturen zwischen Legislative und Exekutive diffuser geworden seien.

So arbeiten die mächtigen Pensionsfonds wenig transparent: Ihre Spitzen werden von der Lula- Regierung meist mit Gewerkschaftern besetzt. Die meisten Fonds "gehören" einer Partei oder einem politischen Clan. Die Verflechtungen zwischen Regierung, Staatsbanken und Pensionsfonds schaffen ein fruchtbares Ambiente für Korruption und Ineffizienz. Auch greift Präsident Lula gerne mal kräftig in die Unternehmensführung ein, wenn er den Vale-Präsidenten öffentlich auffordert, doch mehr in Stahlwerke in Brasilien zu investieren. Korruption im Graubereich zwischen Staat und Wirtschaft hat es in Brasilien allerdings immer gegeben. Unter Cardosos Regierung saßen statt der Gewerkschafter befreundete Investmentbanker und Ökonomen am Steuer

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Dennoch denke ich, dass die Brasil SA trotz der teuren Ineffizienz einer der wichtigen Wettbewerbsvorteile Brasiliens im globalen Wettbewerb ist. Nicht nur wegen der lokalen Finanzierungsquellen, die in Krisenzeiten unabhängig von privaten Banken oder ausländischen Finanziers funktionieren. Die Brasil SA sorgt auch für eine erstaunliche Kontinuität in der Wirtschaft. Das Bild von Petrobras, BNDES & Co. als den Tankern der brasilianischen Wirtschaft stimmt: Diese Schwergewichte lassen sich nicht so einfach vom Kurs abbringen. Trotzdem sind sie keine Inseln in der Gesellschaft, wie das der Ölkonzern PdVSA in Venezuela oder der Kupferkonzern Codelco in Chile immer waren.

Vertrauen auch bei den privaten Investoren In Brasilien hat die Politik Einflussmöglichkeiten gegenüber den Unternehmen. Politische Wechsel verändern auch die Rahmenbedingungen der Wirtschaft, doch sie werden abgefedert. Es gibt keine Kurswechsel um 180 Grad. Das schafft Vertrauen gerade auch bei ausländischen Investoren, die abrupte Regeländerungen verabscheuen, weil sie ihr Kapital über viele Jahre hin in Fabriken anlegen. Auch bei den jetzt diskutierten Öl- und Bergbaugesetzen hat die Regierung von Anfang an deutlich gemacht, dass bestehende Verträge nicht rückwirkend geändert würden. In Umfragen unter weltweiten Multis ist Brasilien seit einigen Jahren regelmäßig einer der attraktivsten Standorte. Die Krise hat die Attraktivität Brasiliens noch erhöht: Während weltweit die Direktinvestitionen um 14 Prozent geschrumpft sind, investieren ausländische Konzerne dieses Jahr ein Drittel mehr als im Rekordjahr 2008.

Die Brasil SA funktioniert wie ein dicht geknüpftes Kommunikationsnetz, über welches die Regierung ihre Interessen artikuliert. Es ist zum Teil wenig transparent und deswegen teuer wegen der Ineffizienz und Korruption, aber es funktioniert. Die gewählte Regierung steht keinem Wirtschaftsblock gegenüber, auf den sie keinen Einfluss nehmen kann. Unternehmen wie Regierung müssen in Brasilien ständig neu ihre Kräfte messen und Kompromisse aushandeln. Das verhindert Kurzschlusshandlungen, wie sie in Emerging Markets typisch sind. In Argentinien oder in Venezuela agieren die Regierungen per Dekret, sie verstaatlichen, um mehr Einfluss auf die Wirtschaft zu bekommen. In Russland schaffen sie neue Unternehmerklassen parallel zu den bestehenden. Die können jedoch mit jedem Machtwechsel weggefegt werden. Das schafft Misstrauen, Investoren halten sich zurück, die Gesellschaft als Ganzes verliert.

Kompromisse bewegen sich zwischen zwei klaren Interessenpolen: Die Unternehmen wollen Gewinne, die Regierung will Arbeitsplätze, steigende Einkommen, mehr Steuereinnahmen. Unternehmen und Politik können in Krisenzeiten schneller reagieren: Die Großkonzerne können darauf verzichten, Tarife anzuheben oder Arbeitsplätze und Investitionen zu streichen. Das geht zulasten der Gewinne und Dividenden, doch dafür profitieren die Anteilseigner davon, dass die Konzerne etwa privilegierten Zugang zu ihren Märkten erhalten. Auch ist der politische Widerstand geringer, wenn Konzerne eng mit dem Staat zusammenarbeiten oder kontrolliert werden. Private Konzerne werden eher von Protestbewegungen unter Druck gesetzt als Staatskonzerne. Die soziale Verankerung der Konzerne wird auch bei Aktionären zunehmend wertgeschätzt. Gerade für Rohstoffkonzerne ist der soziale Konsens inzwischen ein kaum zu überschätzender Unternehmensvorteil geworden: Was nützen die reichsten Öl- oder Erzreserven, wenn die Bevölkerung sich in den Absatzgebieten querstellt oder die Regierung einseitig die Regeln ändert wie in Venezuela oder Russland. Die Kunst besteht darin, die Balance zu finden: Das Unternehmen muss immer noch effizient Erz fördern oder Flugzeuge produzieren

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Ein Risiko der Brasil SA ist, dass sie stark auf die Person Lula zugeschnitten ist. Der populäre Präsident wird Anfang 2011 abgelöst. Weniger charismatische Nachfolger könnten Probleme bekommen, die Interessengruppen in der Brasil SA im Zaum zu halten, wie das Lula kann. Doch andererseits hat die Brasil SA sich in den letzten 15 Jahren durch eine hohe Kontinuität ausgezeichnet. Und ein zündelnder Populist ist nicht im Anmarsch. Trotz aller Risiken und Kritik: Brasilien bietet mit seiner Brasil SA ein Entwicklungsmodell für aufstrebende Volkswirtschaften weltweit, eine erfolgreiche Alternative zu den autoritären Wirtschaftsmodellen und den gescheiterten neoliberalen Ansätzen.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika

Kommentare zu " Brasilien: Mit Filz und staatlicher Finanzmacht zum Erfolg"

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  • Ein wiedermal sehr treffend formulierter und profund recherchierter Artikel von Herrn busch. Was man nicht vergessen darf: Der Erfolg der Deutschland AG ruht sich auf den Leistungen des Deutschen Mittelstandes aus. Während der letzten 12 Monate waren Kredite in DE genauso wie in brasilien Mangelware für Mittelständler. Dennoch hat sich brasilien sehr schwer getan, und tut es immernoch, auch den Mittelstand an der von der Regierung propagierten Liquidität partizipieren zu lassen. Die Liquidität kommt nur langsam im Mittelstand brasiliens an.

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