Kommentare
Briten über Bord

Im Südirak beginnen die Briten mit dem Abzug und überlassen die Sicherheit nun auf Gedeih oder Verderb den irakischen Soldaten und Polizisten.

In Bagdad aber marschieren 21000 zusätzliche amerikanische Soldaten auf, um aufständische Milizen und kriminelle Banden aus den umkämpften Vierteln zu vertreiben und endlich Frieden und Demokratie in die Stadt zu bringen. Beides, der amerikanische und der britische Schritt, passen nicht gerade gut zusammen. Das musste jedem auffallen, der gestern Blairs Ankündigung über den Beginn des britischen Truppenabzugs im Unterhaus verfolgte. Daran konnte auch die wie gewohnt kämpferische Rhetorik des Premiers nichts ändern.

Die einen verstärken, die anderen ziehen ab: zwei gleichermaßen verzweifelte Manöver in dem großen und tragisch gescheiterten Experiment, die Demokratie mit militärischer Macht in die ehemalige Diktatur Irak zu verpflanzen. Ob die Amerikaner nun noch etwas ausrichten werden mitten in einem blutigen Bürgerkrieg, nach drei Jahren wachsender Anarchie und Chaos, darf bezweifelt werden. Der Abzug der Briten wird unweigerlich dazu führen, dass man im amerikanischen Kongress Bushs Strategie noch misstrauischer debattiert.

Aber ebenso stehen Fragezeichen hinter dem, was in Basra nun passiert. Die Briten haben dort mit ihrer „Operation Sindbad“ ihren eigenen kleinen „Surge“– so nennen die USA ihre neue Taktik – durchgeführt. Sicherheitskräfte und Polizei wurden von extremistischen Elementen gesäubert, so, wie es die Amerikaner nun in Bagdad tun wollen. Nun verbarrikadieren sich die Briten auf einem Flugfeld bei Basra, wollen Nachschubwege sichern, ein Auge auf die iranisch-irakische Grenze haben und als „Sicherheitsreserve“ wirken, falls sich in Basra oder anderen Provinzen die Milizen bekriegen. Die Risiken sind groß. Der Iran wird seinen Einfluss im Südirak verstärken können, die Amerikaner werden sich, da ihre kleine Koalition vollends zur Bedeutungslosigkeit schrumpft, noch isolierter fühlen und wehe, wenn die Briten im Südirak noch einmal eingreifen müssten. Sie würden zur Zielscheibe für alle Seiten.

Kein militärischer Triumph also. Vielmehr geben die Briten mit dem Rückzug zu, dass die Anwesenheit der ausländischen Truppen im Irak längst Teil des Problems geworden ist und zur Lösung nichts mehr beiträgt. Vielleicht geht die Rechnung auf. Vielleicht werden die Iraker in Basra nun, ohne den ausländischen Feind, zur Vernunft kommen und ihre Institutionen, ihre Gesellschaft wieder aufbauen. Aber Blair selbst schien gestern keine große Hoffnung zu haben, und die Berichte aus Basra geben wenig Anlass zum Optimismus. Man hört von Gewalt, Plünderungen, mangelnden Arbeitsplätzen, einer zerbröckelnden Infrastruktur. Eine Diktatur, in der Menschen umgebracht wurden, aber das Stromnetz funktionierte, wurde in eine Anarchie verwandelt, in der Menschen umgebracht werden und das Stromnetz nicht mehr funktioniert.

Blairs Ankündigung gab nicht nur ein militärisches, sondern auch ein politisches Signal. Er tut, wogegen sich der amerikanische Präsident Bush noch verzweifelt sträubt. Er beginnt, den Schlussstrich unter das Irakabenteuer zu ziehen. Bushs treuester Verbündeter geht von Bord. Mag er noch so sehr versichern, dass man die Sache „durchstehen“ und die Iraker und erst recht die amerikanischen Verbündeten nicht im Stich lassen werde.

Blair brachte für Bush und die Solidarität mit den USA viele Opfer. Nun hat er andere Sorgen. Er muss sich, spät genug, um seine eigene Hinterlassenschaft kümmern, sein Haus in Ordnung bringen, Luft in der Innenpolitik für seinen Nachfolger schaffen. Im Mai ist eine wichtige Wahl zu gewinnen, und die Eiterbeule Irak musste vorher gestochen werden. Blair hört auch die Klagen seiner Generäle. Die britische Armee ist überdehnt bis an den Rand des Erträglichen. Die Streitkräfte tragen das Irakengagement nicht mehr mit, aus guten strategischen Gründen: Afghanistan ist nun der wichtigere und aussichtsreichere Kampfplatz.

Es gibt noch einen Grund, warum Blair diese Entscheidung vielleicht gar nicht so schwer fiel. Der amerikanische Präsident hat seinen britischen Freund an der diplomatischen Front im Stich gelassen, als er den Baker-Hamilton Bericht verwarf, den Blair ausdrücklich begrüßte. Seither ist die Koordination zwischen London und Washington, die nie ganz reibungslos funktionierte, noch schlechter geworden. Nach dem epochalen strategischen Fehler der Irakinvasion haben die Briten den taktischen Rückzug eingeleitet. Genau so wird man das in den USA nun registrieren. Präsident Bush ließ den Briten für ihre Unterstützung danken. Es wird um ihn nun noch ein bisschen einsamer.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%