Britisches Pfund
Heilsame Schwäche

Das Pfund sackt immer tiefer gegenüber dem Euro. Aber das ist weniger ein Problem als Teil einer Lösung. Ein Beitritt zur Eurozone wäre für Großbritannien zurzeit keine gute Idee.
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So richtig amüsant fand die Regierung in London nicht, was EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso vor kurzem zu sagen hatte. Barroso ließ wissen, dass seiner Meinung nach ein Beitritt Großbritanniens zur Euro-Zone dank der Wirtschaftskrise so nahe sei wie nie zuvor. Premierminister Gordon Brown reagierte prompt: "Unsere Position zum Euro hat sich nicht geändert." Doch da war es zu spät, um eine Neuauflage des erbitterten Streits über die Gemeinschaftswährung zu verhindern. Weil das Pfund gegenüber dem Euro so schwach geworden ist wie nie zuvor, stehen die beiden Währungen ohnehin fast eins zu eins. Trotzdem zeigt der nähere Blick auf die britische Wirtschaft: Der rapide Wertverlust des Pfundes in den vergangenen Monaten ist nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung für die Insel. Großbritannien hat einen deutlich größeren Korrekturbedarf als viele Staaten in der Euro-Zone. Die englischen Privathaushalte sind ähnlich hoch verschuldet wie die amerikanischen. Die Konsumenten auf der Insel stehen im Schnitt doppelt so hoch in der Kreide wie die Bürger im übrigen Europa. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt, schleppte Großbritannien im vergangenen Jahr sogar ein höheres Zahlungsbilanzdefizit mit sich herum als die Amerikaner. Alles das lässt sich aber besser mit einem weichen Pfund als mit der Anbindung an den Euro ertragen. Der Euro hat in Großbritannien inzwischen einige renommierte Fürsprecher gefunden. Willem Buiter zum Beispiel, ehemaliger Notenbanker und heute Professor an der London School of Economics, ist der Ansicht, dass mit dem Platzen der Kredit- und Immobilienblase die Zeit der britischen Hochzinskultur und Überbewertung der Währung beendet sei. Für Buiter ist das Experiment des angelsächsischen Sonderweges gescheitert und ein Beitritt zur Währungsunion deshalb nur opportun. Tatsächlich gibt es auch eine Reihe von guten Argumenten für den Euro. Die Finanzkrise erfordert internationale Antworten, das haben die vergangenen Monate bewiesen. Die Bilanzsummen der britischen Großbanken sind nach dem Boom der vergangenen Jahre mittlerweile fünfmal so groß wie die gesamte Wirtschaftsleistung des Landes. Sollte die Vertrauenskrise noch einmal ihr hässliches Haupt erheben, könnte das die Kraft des britischen Staates und der Bank of England überfordern. Da sieht die Euro-Zone mit 15 Mitgliedern und den tiefen Taschen der Europäischen Zentralbank plötzlich gar nicht so ungemütlich aus. Außerdem hat das Pfund nach den massiven Wertverlusten zum ersten Mal seit Start der Währungsunion ein wettbewerbsfähiges Niveau erreicht. Die rapide Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf der Insel haben zu einer massiven Entwertung der britischen Währung geführt. Gegenüber dem Euro hat das Pfund seit Jahresbeginn rund 20 Prozent verloren. Die Befürworter der Einheitswährung führen außerdem ins Feld, dass Großbritannien als Euro-Mitglied eine diszipliniertere Fiskalpolitik hätte fahren müssen und viel früher gezwungen gewesen wäre, Maßnahmen gegen die gefährliche Blase am Immobilienmarkt zu ergreifen. Das hätte zwar die Wirtschaft in den Boomjahren belastet, dafür wäre aber die Krise jetzt nicht so verheerend ausgefallen. Doch überzeugen diese Argumente? Die Euro-Gegner verweisen auf das abschreckende Beispiel Spanien. Die Iberer waren von Anfang an bei der Gemeinschaftswährung dabei. Das hat aber nicht verhindert, dass sich die realen Hauspreise in Spanien zwischen 2000 und 2006 verdoppelt haben - das war die größte Immobilienblase in ganz Europa. Nach dem Platzen der Blase ist die Arbeitslosigkeit auf über zwölf Prozent in die Höhe geschnellt. Wäre Spanien nicht Mitglied der Euro-Zone, hätte es wohl früher und aggressiver als die Europäische Zentralbank in Frankfurt die Zinsen gesenkt, um der Krise Herr zu werden. Außerdem fällt der Wechselkurs aus, um einen Teil der Anpassungen durch eine massive Abwertung abzufedern. Genau hier liegt der Grund, warum Großbritannien zumindest kurzfristig nicht mit dem Euro liebäugeln sollte: Die schwerste Rezession seit Jahrzehnten ist nicht der richtige Zeitpunkt, um so wichtige Instrumente wie den Wechselkurs und die Zinspolitik aus der Hand zu geben.

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