Buchvorstellung in Berlin
Fischers neues Buch: „Weder lahm noch Ente“

Der Bundesaußenminister macht in diesen Tagen eine neue, eine unangenehme Erfahrung. "Sie müssen sich plötzlich an das Wörtchen "amtierend" gewöhnen", bemerkt Zeit-Herausgeber Michael Naumann. "Ein schmerzendes Schmuckwort, meine ich."

HB BERLIN. Tatsächlich, vor wenigen Wochen noch wäre niemand auf die Idee gekommen, Joschka Fischer als amtierenden Außenminister zu bezeichnen. Doch den trifft das nicht, jedenfalls zeigt er es nicht. Gnädig winkt der Minister ab, alles halb so wild, er sei "weder lahm noch Ente", befindet Fischer mit erkältungsheiserer Stimme. Er machte deutlich, dass er die für September geplante Bundestagswahl noch längst nicht verloren gegeben hat. "Ich trete nicht an in elegischer Abendsonne", sagte der Grünen-Politiker. Die vor der Bundesregierung liegende Zeit werde "alles andere als einfach" - aber er ziehe hier weder eine "Bilanz, auch keine Zwischenbilanz: "Ich spiele auf Sieg".

Der Minister ist gut gelaunt zum Pariser Platz in Berlin zur Präsentation seines neuen Buchs "Die Rückkehr der Geschichte" gekommen. Naumann sitzt zu seiner Linken, Ex-Zeit-Chefredakteur Roger de Weck zur Rechten, sie stellen die Fragen, Joschka Fischer gibt die Antworten, er zweifelt, er zieht die Stirn kraus, legt den Kopf schief, schüttelt ihn - ein Minenspiel, das wohl kein anderer Politiker in dieser Form beherrscht.

Wieder einmal hat er Gelegenheit, über seine Sicht der Dinge zu reden, über sein Verständnis dieser neuen Epoche der Weltpolitik, die, wie er findet, mit dem Ende des Kalten Kriegs, spätestens aber nach den Anschlägen am 11. September 2001 auf New York und Washington begonnen hatte. Eine Stunde lang dreht sich das Gespräch um die USA, um China, es geht in den Irak, nach Bosnien, in den Iran - alles Länder, um die es in dem Buch mit "kohlrabenschwarzem Umschlag" (Naumann) geht. Fischer redet sich in Fahrt, es geht um Globalisierung und Menschenrechte, auch Europa und die gescheiterte Verfassung kommen nicht zu kurz und bei der angeregten Diskussion schwindet selbst die Heiserkeit.

Als Buchautor ist Fischer schon mehrmals aufgefallen. Der wohl größte publizistische Erfolg: "Mein langer Lauf zu mir selbst". Eine Schrift über die Wandlung eines Genussmenschen zum Marathonläufer. Jetzt hat er also 304 Seiten über die große Politik geschrieben, aber ein Vermächtnis sollen sie nicht sein, nein, denn er will ja weiter machen. Der amtierende Außenminister will sich auch als der künftige Chefdiplomat empfehlen. "Ich bin von einem Testament noch weit entfernt", sagt Fischer. Das Buch sei "der Ausdruck von Neugierde, die Welt zu verstehen". Auf die Frage, wann er bei einem 20-stündigen Arbeitstag die Zeit gefunden habe, die Seiten zu verfassen, sagt Fischer: "In der 21. Stunde." Er entschuldigt sich, die Nerven des Verlegers "so arg strapaziert zu haben".

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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