Bündnis spricht erfolgreich unterschiedliche Wähler an
Linkspartei: Armut Ost trifft Protest West

Torsten Felker hat immer SPD gewählt. 21 Jahre lang. Dann kam Gerhard Schröder mit seiner Agenda 2010. "Eigentlich kann ich der SPD meine Stimme nicht mehr geben", sagt der 39-jährige Feuerungsmaurer aus Gelsenkirchen, "Hartz IV hat doch nichts mit Sozialdemokratie zu tun."

DÜSSELDORF. Felker selbst hat einen Job - noch, wie er sagt. In einer Stadt mit einer Arbeitslosenquote von 23 Prozent könne man sich auf nichts verlassen. "Und mit Hartz IV ginge es mir schlecht", sagt er. Die Suche nach einer Alternative zur SPD hat den drahtigen Mann mit der zerfransten Jeans an diesem Dienstag Mittag in die Gelsenkirchener Fußgängerzone gelockt. Direkt vor die Ladefläche des Transporters, von dem gleich Oskar Lafontaine sprechen wird. Felker ist erst einmal skeptisch: "Was Oskar sagt, klingt gut - aber wie will er das denn alles finanzieren?" Nach zehn Minuten Lafontaine sind all diese Zweifel jedoch verflogen: "Bravo, Oskar!", ruft er, als dieser über Mindestlöhne und "neoliberale Gehirnwäsche" agitiert, "du bist der Beste!"

Oskar zieht. Der NRW-Spitzenkandidat der Linkspartei ist einer der Gründe, warum das Wahlbündnis aus PDS und WASG (Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit) gute Chancen hat, am 18. September als drittstärkste Kraft in den Bundestag einzuziehen. Zwar fallen die Umfragewerte - von den 13 Prozent der Stimmen, die die Linkspartei Mitte August in Umfragen erzielte, sind nur noch acht übrig. Doch ganz gleich, ob 13 oder acht Prozent: Die Linke ist die zentrale Partei dieser Wahl. Sie droht nicht nur die deutsche Sozialdemokratie dauerhaft zu spalten. Vor allem könnte sie CDU und FDP die Mehrheit verderben und dadurch eine große Koalition erzwingen.

Das alles ist möglich, weil sich Oskar Lafontaine auf der politischen Bühne zurückgemeldet hat. Erst der Demagoge aus dem Saarland macht aus dem Bündnis eine politische Kraft, die nicht nur im Osten bis zu 25 Prozent der Wähler mobilisiert, sondern auch im Westen rund sechs Prozent anzieht. Mit Lafontaine zielt die Linkspartei im Westen auf ganz andere Wählerschichten als im Osten.

Fragt sich nur, wie lange die Linkspartei den Spagat zwischen Gysi und Lafontaine durchhalten kann. Laut einer Studie hat die PDS mehr Bezieher niedriger Einkommen, mehr Arbeiter und mehr Arbeitslose in ihrer Anhängerschaft als die WASG. Die Wahlalternative dagegen punktet auch bei leitenden Angestellten, Gewerkschaftsmitgliedern und Großstädtern. "Die unglücklichen 68er wählen WASG", sagt Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Längst nicht allen Anhängern der Linkspartei geht es um sozialistische Inhalte. "Ich wähle die einfach aus Protest", sagt Katrin Wilke, 44-Jährige Bürokraft aus Neuss. "Die großen Parteien sind so arrogant und bürgerfremd geworden, denen will ich es zeigen."

Die Linkspartei spricht mit Betroffenen, Enttäuschten und Protestlern mehrere große Gruppen an, sagt Parteienforscher Jürgen Falter von der Universität Mainz. Gerade das mache sie so stark. "Die PDS wird durch die WASG in den alten Bundesländern hoffähig." Doch ob die zusammengewürfelte Linke auch auf Dauer eine stabile Partei sein kann, daran haben Politikbeobachter ihre Zweifel. "Die Anhänger sind so unterschiedlich", sagt Forsa-Chef Güllner. "Es muss sich erst noch zeigen, ob das zusammenpasst, was gerade von oben zusammengefügt wird."

Glaubt man dem Wahlkampfmanager der Linkspartei, Bodo Ramelow, hatten die Unterschiede in der Anhängerschaft keine Auswirkungen auf die Wahlkampfstrategie. "Alle Plakate und Flugblätter in Ost und West sind gleich", betont er. Tatsächlich aber hat die Linke in Frankfurt am Main eine zweite Wahlkampfzentrale eingerichtet, während der Osten von Berlin aus bedient wird. Auch die Spitzenkandidaten haben sich ihre Arbeit fein säuberlich aufgeteilt: Gregor Gysi kämpft im Osten, Lafontaine im Westen. Kein Wunder: "Im Osten findet Lafontaine kaum Unterstützung", sagt Meinungsforscher Güllner.

Nachdem die Linkspartei auf allen 16 Landeslisten zur Wahl zugelassen ist, hat Wahlkampfmanager Ramelow die vier Millionen Euro schwere Wahlkampfkasse nochmals um 250 000 Euro aufgestockt. 150 000 Euro hat er in den letzten Tagen vor der Wahl in Plakatwände investiert. Ein Plakat aber wird er den potenziellen Wählern im Westen vorenthalten - das mit dem Slogan "100 Prozent für den Osten".

Astrid Dörner ist Korrespondentin in New York.
Astrid Dörner
Handelsblatt / Deskchefin Agenda
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