
Deutschland freut sich über seinen Kandidaten. Joachim Gauck ist der richtige Mann fürs höchste Amt, heißt es fast unisono. Er sei einer, der mit Worten führen könne. Derweil ruft Europa verzweifelt nach Führung. Und die kann nur von Deutschland kommen, dem mächtigsten Land des Kontinents. Auch hier geht es darum, die richtigen Worte zu finden.
Durch eine Laune der Geschichte liegt deshalb die Frage auf der Hand: Kann der ostdeutsche Bürgerpfarrer Gauck die richtige Antwort auf die Führungsfrage Europas geben? Um es vorwegzunehmen: Er könnte es. Dafür müsste er jedoch ein ganz anderer Präsident werden, als die meisten es von ihm erwarten. Die Aufgabe ist fast unlösbar. Den einen sind die Deutschen zu dominant (und arrogant), den anderen sind sie zu zögerlich (und feige). Der griechische Staatschef Papoulias fühlt sich vom deutschen Spardiktat gekränkt. Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski hingegen fürchtet sich weniger vor deutscher Macht als vor deutscher Inaktivität. Mehr "leadership" von den Deutschen wollen auch Amerikaner und Briten. Sei es bei militärischen Kampfeinsätzen gegen Diktatoren, oder wenn es darum geht, den Euro zu retten oder eine Weltrezession abzuwenden.
Die Welt scheint hin- und hergerissen zwischen Bewunderung, Neid, Angst und Enttäuschung über Berlin. Auch dort ist man hin- und hergerissen. Und zwar zwischen der aus historischer Schuld herrührenden Versuchung, sich als "große Schweiz" aus dem Dilemma von Größe und Macht wegzuducken oder herauszukaufen. Und der aus dem gleichen Schuldgefühl spürbaren Verpflichtung, Europa zu Wohlstand und Frieden zu führen.
Herauskommen aus dieser Zwickmühle kann Deutschland nur, wenn es seine natürliche Macht und Geschichte nicht als Last, sondern als Chance begreift. Gerade jetzt, da Amerika unter Schulden und Selbstzweifeln schwächelt, Frankreich und Großbritannien nur noch ein Schatten ihrer früheren Größe sind und China in der Rolle der "heimlichen Supermacht" versucht, seinen Einfluss auf die Welt mit minimaler Verantwortung zu maximieren, gerade jetzt wäre die Zeit, nicht nur Maschinen und Autos in die Welt zu exportieren, sondern auch Ideen und - trauen wir uns ruhig das große Wort - Visionen.
Damit wären wir wieder bei Joachim Gauck. Wir Deutsche freuen uns auf ihn, weil er uns als Versöhner eines einst geteilten Landes und Vorkämpfer für die Freiheit gilt. Aber während Deutschland längst zusammengewachsen ist, zerreißt es gerade Europa. Gebraucht wird deshalb jemand, der die Vorurteile zwischen den Europäern gerade rücken und den Kontinent zusammenführen kann.
"Bundesinnenminister de Maizière...."
Ist das der übergoßen Euphorie des Autoren über die Nominierung Gaucks entsprungen oder habe ich bezogen auf das Postenkarussel etwas verpasst?
Und zum Rest? Wie schon mehrmals geschrieben, Ihr Journalisten verkauft mir diesen selbstverliebten Mann nicht. Der wird not-my-president!
Systematik
Im Handelsblatt geht also Meinung vor Wirtschaft. Merkwürdig.
Die Gleichung des "Freiheitspatheten" hat mindesten 30 Unbekannte.
Man braucht eh keine Visionen - allein schon das bedingungslose Grundeinkommen für alle reicht völlig aus, um die Ängste der Bürger ein für allemal zu besiegen und aus der Welt zu schaffen.
22 Kommentare
Alle Kommentare lesen