Bundesregierung: Ablasshandel

Bundesregierung
Ablasshandel

Politik soll und will gerne Vorbild sein. Wohl deshalb hat das Bundeskabinett gestern beschlossen, ab sofort den eigenen Kohlendioxid-Ausstoß auszugleichen. Rund drei bis vier Millionen Euro sollen nun in umweltfreundliche Projekte gesteckt werden, um die durch die eigene Arbeit entstehende Umweltbelastung zu kompensieren. In Wahrheit ist dies nur ein moderner Ablasshandel. Da mögen Regierungssprecher noch so sehr darauf verweisen, dass anders als bei den Ablassbriefen der katholischen Kirche die Investitionen nicht für ein späteres, sondern dieses weltliche Leben gelten.

Denn worum handelt es sich bei dem Beschluss des Bundeskabinetts? Um eine Änderung des eigenen Verhaltens? Oder um den Versuch, auf anderem Wege ein gutes Gewissen und ein positives Image zu erhalten? Wenn jeder so weitermacht wie bisher, nutzen auch Ausgleichzahlungen für Umweltprojekte nichts. Denn jeder hat gute Gründe, warum er sein Leben und seine Verhaltensweisen nicht ändern will - vom bolivianischen Bauern über den amerikanischen Autofahrer bis hin zum chinesischen Industriearbeiter.

Sicher, Kabinettsmitglieder werden im Rahmen ihrer Arbeit auch künftig viel reisen müssen. Kaum jemand wird dies anstößig finden. Darin liegt auch nicht die wirkliche Gefahr für das Weltklima. Aber wenn dies so ist, muss die Bundesregierung an dieser Stelle auch keine Beifall heischende Symbolpolitik betreiben. Das vermeintlich gute Vorbild ist in Wahrheit ein schlechtes – denn es veralbert letztlich das Bemühen um ein möglichst klimaneutrales Leben der Menschheit. Zur Erinnerung:Es gibt bereits das klassische Mittel der Entwicklungshilfe und der Industrieförderung, um Umweltprojekte in aller Welt wirksam voranzutreiben.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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