Carlos Goshn
Kommentar: Rückkehr des Größenwahns

Irgendwann steigt der Ruhm einem zu Kopfe. Davor sind auch kühle Manager nicht gefeit. Carlos Ghosn ist es offenbar nicht gut bekommen, in Japan nach der Nissan-Sanierung wie ein Pop-Star gefeiert zu werden. Denn nun will er ein Auto-Weltreich schmieden – ohne Rücksicht auf Verluste.

Schon die Entscheidung, Nissan-Chef zu bleiben, als er Renault-Chef wurde, ließ zumindest ein außerordentlich starkes Selbstvertrauen durchblicken. Doch nun schickt sich Ghosn an, den Bogen zu überspannen. Obwohl es bei Renault und auch wieder bei Nissan nach Branchenmeinung durchaus genug zu tun gibt, will er obendrein bei General Motors mitregieren. Was Daimler-Chrylser nicht gelang – die Welt AG – soll nun unter den Fittichen des polyglotten Ghosn entstehen. Ein Sanierungsmodell, das für den mittelgroßen japanischen Hersteller Nissan funktionierte, soll zum Beispiel für den größten Konzern der Branche werden.

Mit dem Plan des Investors Kirk Kerkorian und des Automanagers Ghosn zieht in die aktuelle Fusionswelle ein Element des Größenwahns ein, der die Fusionswelle der Jahrtausendwende am Ende diskreditiert hat. Es sollen wieder Weltreiche sein und der Shareholder Value hat vor der großartigen Vision zurückzustehen. Wer dem nicht folgen mag, muss sich als kleinmütig oder kurzsichtig tadeln lassen.

Es wird interessant sein, zu beobachten, welche Haltung die Aktionäre zum geplanten Einstieg von Nissan und Renault bei GM einnehmen werden. Werden sie sich von der schieren Größe der Allianz blenden lassen oder werden sie nach konkreten Plänen fragen, wie die Zusammenarbeit Mehrwert schaffen kann, wie eine durch Minderheitsbeteiligungen verbundene Gruppe die nötigen Synergien produzieren soll? Doch vielleicht wird ihre Stimme gar nicht gehört werden. Vielleicht wäre eine Auto-Welt-AG unter französischer Führung für den Staat als größten Renault-Aktionär eine allzu verlockende Perspektive? Dann würden sich Größenwahn und Größenwahn unselig verbinden.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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