Chefwechsel bei General Electric

Keine Chance mehr für Alleinherrscher

Mit John Flannery wird ein Teamplayer Chef von General Electric (GE). Damit ist er in Amerika nicht allein – Autokraten wie GE-Legende Jack Welch haben längst ausgedient. Davon können deutsche Firmen lernen. Ein Kommentar.
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Der frühere GE-Chef setzte auf Überlebensinstinkte und wollte in jedem Geschäftsbereich die Nummer eins oder zwei sein. Quelle: Reuters
Jack Welch

Der frühere GE-Chef setzte auf Überlebensinstinkte und wollte in jedem Geschäftsbereich die Nummer eins oder zwei sein.

(Foto: Reuters)

New YorkDas größte Talent des neuen Vorstandschefs von General Electric: Zuhören. John Flannery weckt mit seiner frischen, freundlichen Art Sympathien, auch weil er seinen Gegenüber nicht unterbricht, sondern ihm zuhört. Beim Mischkonzern ist er bekannt für einen „inklusiven“ Führungsstil und verschlingt Bücher, die wenig mit Wirtschaft zu tun haben. Kaum zu glauben: Der 55-Jährige prahlt mit seinen geisteswissenschaftlichen Kenntnissen.

Jetzt ist Flannery kein Weichei. In seiner langen Karriere bei GE zog er harte Maßnahmen durch wie zuletzt in der Gesundheitssparte, als er den Geschäftssitz aus England nach Chicago holte und zahlreiche Führungskräfte auswechselte. Als er 2013 Chef der Geschäftsfeldentwicklung wurde, kamen anders als zuvor alle Optionen auf den Tisch. Eine davon war lange Zeit undenkbar gewesen: Der Verkauf der Hausgerätesparte, die zwar wenig Geld einbrachte, aber weit in die Geschichte des 124 Jahre alten Konzerns zurück reicht.

Es schält sich ein Muster in Amerika heraus: An die Spitze kommen smarte Teamplayer. Ob vor wenigen Wochen Jim Hackett bei Autohersteller Ford, David Taylor im Sommer 2015 bei Konsumgüterkonzern Proctor & Gamble, David Abney 2014 bei Logistikriesen UPS oder Satya Nadella bei Microsoft – sie alle bringen ähnliche Talente mit: hohe Intelligenz, starke Entschlusskraft und die Kunst des Zuhörens.

Die Zeit von beinharten Vorstandschefs wie Jack Welch ist vorbei. Der Manager führte GE von 1981 bis 2001 und wurde zur Legende. Er setzte auf Überlebensinstinkte, warf die schlechtesten zehn Prozent der Mitarbeiter heraus und wollte in jedem Geschäftsbereich die Nummer eins oder zwei sein. Ein extrovertierter Mann, der nicht selten durch die Büros brüllte und mit dem Managementsystem Six Sigma selbst die Qualität der Pressearbeit versuchte zu messen.

Im digitalen Zeitalter sind solche Typen undenkbar – aus vielen Gründen. Es schreckt talentierte Mitarbeiter ab; denn die Generation Y sehnt sich nach einer besseren Welt und klammert sich nicht mehr angstvoll an einen Job. Nicht nur die Superguten suchen sich schneller als zuvor einen neuen Job. Mit Hilfe des Internets entstehen ganz neue Börsen und Kontaktnetze.

Fast wichtiger ist: Zuhören bringt wertvolles Wissen. Der Schatz schlummert in jedem Mitarbeiter eines Unternehmens, angefangen vom Fließbandarbeiter über den Sachbearbeiter bis zum Vorstand. Sie wissen genau, wo es klemmt. Aber ungefragt und ungeliebt scheuen sie die Mühe, der Schatz wird nicht gehoben.

Das Gespräch mit dem Kunden predigen alle Managementbücher und Unternehmensbroschüren. Aber nicht selten bleibt das in der Realität in einer Akquise stecken: Dem Gegenüber sein Produkt aufdrängen. Daran haben die Kunden selten Interesse, sie wollen Hilfe in ihrem Geschäft. Durch wahres Zuhören verstehen Teamplayer deren Probleme, Geschäftschancen und Umsatz ergibt sich dabei fast nebenbei.

Das sind die bestbezahlten Chefs der USA
Diskussion über Managergehälter
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SAP-Chef Bill McDermott war im vergangenen Jahr Spitzenverdiener unter den Dax-Chefs. Der Amerikaner erhielt rund 14,3 Millionen Euro und löste damit in Deutschland eine Diskussion über zu hohe Managergehälter aus. US-Bosse verdienen aber noch in ganz anderen Dimensionen. Ein Überblick.

Platz 10: Mario Joseph Gabelli
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Gabelli (rechts) ist der Gründer von Gabelli Asset Management Company Investors (Gamco Investors). Das Hauptquartier der Investment-Firma befindet sich in Rye im Bundesstaat New York. Der 74-Jährige war unter anderem Kommentator für CNBC, Bloomberg und CNN und ist Mitglied der New York Society of Security Analysts. 2016 hat er als Chef von Gamco 75,97 Millionen Dollar verdient.

Quelle: Bloomberg Pay Index 2016

Platz 9: Leslie Moonves
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Im Februar 2016 wurde Moonves Verwaltungsratsvorsitzender der CBS Corporation und behielt gleichzeitig seine Position als Präsident und CEO des Unternehmens. Der US-amerikanische Medienkonzern hat seinen Sitz in New York City. Zuvor hatte Moonves für Warner Bros. mit einem Team unter anderem die erfolgreichen Serien „Friends“ und „Emergency Room“ entwickelt. 2016 verdiente der Unternehmer 83,65 Millionen Dollar. Das lag auch an einem Aktienpaket, dass er im Rahmen seiner Vertragsverlängerung erhielt.

Platz 8: Philippe P. Dauman
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Seit 1987 arbeitete Dauman für den Medienkonzern Viacom, von 2006 bis 2016 war er Geschäftsführer und verdiente im vergangenen Jahr 87,84 Millionen Dollar. Im August 2016 trat Dauman als CEO von Viacom zurück, nachdem er den Machtkampf mit Viacom-Großaktionär Sumner M. Redstone, der als Quasi-Alleininhaber galt, verloren hatte. Für seinen Ausstieg erhielt Dauman satte 72 Millionen Dollar. Zu Viacom gehören unter anderem die bekannten Filmproduktionsunternehmen Dreamworks und Paramount Pictures.

Platz 7: Mitch Garber
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Der 52-Jährige Kanadier ist CEO von Caesars Acquisition Company und Vorsitzender des Cirque du Soleil. Caesars ist der weltgrößte Anbieter von Casino-Entertainment. Garber studierte Jura und hat über zehn Jahre als Jurist gearbeitet. Im vergangenen Jahr verdiente er 91,15 Millionen Dollar.

Platz 6: Virginia Rometty
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Die Informatikerin, Elektrotechnik-Ingenieurin und Wirtschaftsmanagerin ist seit 2012 CEO und Präsidentin von International Business Machines (IBM). Rometty gilt als eine der einflussreichsten Frauen der Welt und verdiente im vergangenen Jahr 96,76 Millionen Dollar.

Platz 5: Elon Musk
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Auf Platz fünf landet der Tesla-Gründer mit einem Gehalt von 99,74 Millionen Dollar. Der gebürtige Südafrikaner war an der Gründung des Online-Bezahlsystems Paypal beteiligt und brachte Erfolge für das private Raumfahrtunternehmen SpaceX sowie den Elektroautohersteller Tesla. Mit zwölf Jahren schrieb der heute 45-Jährige bereits einen Code für ein Computerspiel.

Flannery bewies in verschiedensten Märkten mit verschiedensten Produkten immer wieder, wie sehr er die Stärke zum Vorteil von GE ausspielen konnte. Freimütig bekannte er als Chef der GE-Gesundheitssparte, kein Expertenwissen über Ultraschallgeräten oder Röntgenapparaten zu besitzen. Allgemeinbildung reiche da, meinte Flannery, wichtiger sei Marktkenntnis. Das sollte sich manch deutscher Manager hinter die Ohren schreiben, die nicht selten vor laut Produktliebe den Kunden aus den Blick verlieren.

Die Digitalisierung bringt einen tiefgreifenden Wandel mit sich, auch in der Führungskultur. Die Taktfrequenz erhöht sich, der Manager muss mehr delegieren, braucht mehr als früher das Spezialwissen der Teammitglieder. Inkompetenz war früher leichter mit Marktdominanz oder Vetternwirtschaft zu verstecken. Die digitale Ökonomie verändert das, weckt mit neuer Konkurrenz die Lebensgeister, rüttelt ehrwürdige Konzerne wie GE und neue Branchen wie die verarbeitende Industrie auf – und stellt Autoritäten in Frage. Die entsteht aus einem freien Dialog und nicht auf Kommando. Eine wohltuende Renaissance.

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