Chemieindustrie
Demografiewandel zwingt Tarifpartner zum Umdenken

Nicht nur die Unternehmen der Chemieindustrie klagen über den Fachkräftemangel. Schuld ist neben der Konjunkturlage auch die Überalterung der Gesellschaft. Diese stellt die Arbeitgeber vor neue Herausforderungen.
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Wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften zu Tarifverhandlungen zusammenkommen, sitzt künftig ein dritter Partner mit am Tisch: der demografische Wandel. So war es auch in den vergangenen beiden Tagen, als die Verbandsvertreter der chemischen Industrie bis in die frühen Morgenstunden verhandelt haben. Bis gestern Mittag hieß es noch: „Es steht Spitz auf Knopf.“

In der Hauptsache wurde nicht, wie man annehmen sollte, um die Gehälter gestritten. Das sollte später kommen. Vielmehr ging es zuerst um die Folgerungen, die die Unternehmen der Branche aus der Alterung der Bevölkerung ziehen wollen.

Eigentlich standen die Vorzeichen für eine unkomplizierte Einigung gut: Bereits vor vier Jahren hatten die Sozialpartner einen Tarifvertrag „Lebensarbeitszeit und Demografie“ abgeschlossen. Damit packten sie die Herausforderung bei den Hörnern: Jedes Unternehmen sollte eine Demografieanalyse vornehmen, um die Alters- und Qualifikationsstrukturen in den Betrieben zu ermitteln. Alters- und gesundheitsgerechte Gestaltung der Abläufe sollte die Beschäftigungsfähigkeit angesichts der verlängerten Lebensarbeitszeit verbessern. Weiterqualifizierung, Gesundheitsförderung und ein betrieblicher Demografiefonds zur Finanzierung etwa von Langzeitkonten oder Altersteilzeit rundeten die Vereinbarung ab. Die Unternehmen der Branche hatten damit begonnen, sich wetterfest zu machen.

Heute, vier Jahre später, mehren sich die Anzeichen, dass sich der Arbeitsmarkt bereits gedreht hat. Während nach der Lehman-Pleite viele Beschäftige nur mit Kurzarbeit gehalten werden konnten, stößt man derzeit immer öfter das Adjektiv „händeringend“, wenn von der Suche der Unternehmen nach Mitarbeitern die Rede ist. Stellen bleiben länger unbesetzt, Mitarbeiter kündigen schneller von sich aus, weil sie etwas Neues gefunden haben. Angebot und Nachfrage verschieben sich. Selbst wenn hier neben schwächeren Abschlussjahrgängen die starke Konjunktur eine Rolle spielt - das Szenario von Arbeitnehmern, die jetzt einen längeren Hebel in der Hand haben, nimmt vorweg, was auf die Unternehmen zukommt.

So waren sich denn bei der Chemie beide Seiten im Prinzip einig, den begonnenen Weg fortzusetzen, sie verhakten sich aber beim Wie: Die Arbeitgeber wollten längere Arbeitszeiten, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, die Gewerkschaft will mehr Flexibilität für die Beschäftigten. Am frühen Nachmittag kam dann die Einigung: Die Demografiefonds werden weiter aufgefüllt, die Arbeitnehmer können zur Freude der Arbeitgeber länger arbeiten, wenn sie das möchten, bilden dann aber ein Guthaben, das eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit gegen Ende des Erwerbslebens erlaubt.

Die Einigung auf die Entgelterhöhung von 4,5 Prozent ging dann offensichtlich vergleichsweise schnell über die Bühne. Damit wird deutlich, wie sich die Prioritäten der Tarifpartner inzwischen geändert haben. Die Alterung der Bevölkerung schlägt immer stärker durch.

Kommentare zu " Chemieindustrie: Demografiewandel zwingt Tarifpartner zum Umdenken"

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  • gut beobachtet. Die Arbeiter der deutschen Chemieindustire sind in China und Indien und können von deutschen Arbeitsbedingungen nur träumen.

  • Ich finde es toll zu hören, das die Chemie händeringend nach Mitarbeitern sucht.

    Allerdings suchen die gar keine Arbeiter.
    Wenn man mal beim Bewerbungsportal von Bayer reinschaut, dann fällt eines ins Auge: Die suchen KEINEN EINZIGEN Arbeiter. Die Arbeit geht bei denen von selber.

    Die Suchen nur Akademiker und Praktikanten. Das ist kein Witz und das denke ich mir auch nicht aus. Das steht da...

  • Die Entgelterhöhung in der Chemie Brache ist eine
    Mogelpackung, da ja die 4,5% eine Laufzeit von 19 Monaten haben. Das ist eine Erhöhung um 2,9 % im Jahr.
    (in der Metall-Branche ist die Laufzeit 13 Monate.
    Auch der Demografiefonds ist nicht anderes als eine Lachnummer.

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