Chemieindustrie
Rekombination

Moleküle zerlegen und aus den Einzelelementen neue Verbindungen schaffen – das ist das Metier der Chemiker. Gegenwärtig betreiben sie diese Kunst nicht nur im Reagenzglas, sondern auch auf industrieller Ebene.
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Die Zahl der Übernahmen in der Chemieindustrie bewegte sich in der ersten Hälfte dieses Jahres fast auf Rekordniveau. Und nach Einschätzung mancher Fachleute wird sich die Fusionswelle noch beschleunigen und die Strukturen der Branche im Verlauf der nächsten Jahre gravierend verändern. In diese Richtung jedenfalls deuten Deals wie der Kauf von GE-Plastics durch die arabische Gruppe Sabic vor wenigen Wochen, die Offerte von Akzo für ICI, der Bieterkampf um den amerikanischen Konzern Huntsman oder die fortwährenden Spekulationen über Firmen wie Dow Chemical, Ciba, Clariant oder Air Liquide. Ein einheitliches Muster ist dabei nur schwer herauszulesen. Zu unterschiedlich sind Motive und Ausgangspositionen. Bei etablierten Großkonzernen wie BASF und Dow steht das Ziel im Vordergrund, neue konjunkturstabile und damit berechenbare Ertragsquellen zu erschließen. Hinzu kommt der Druck, die Präsenz in neuen Wachstumsmärkten wie China zu verstärken. Umgekehrt zielen Hersteller aus dem Mittleren Osten und dem asiatischen Raum darauf ab, ihre günstige Kostenbasis besser zu nutzen. Sie sind bereit, hohe Summen auf den Tisch zu legen, um neue Technologien, Kapazitäten und Kunden auf den westlichen Märkten zu erwerben, wie nicht zuletzt der Deal Sabic – GE belegt. Kleine und mittelgroße Spezialunternehmen arbeiten unterdessen daran, ihre Positionen in spezifischen Nischen des Chemiesektors zu verstärken. Typische Beispiele dafür sind Firmen wie Hexion, Rockwood oder der Druckfarben-Konzern Flint Group, den Finanzinvestoren aus einer Reihe kleinerer Einheiten formten. In eine ähnliche Richtung zielt auch der Übernahmeversuch von Akzo bei ICI, mit dem der niederländische Konzern seine führende Position als Lackhersteller ausbauen könnte.

Gleichzeitig gibt es Ansätze, völlig neue große Chemiekonglomerate zu kreieren. Der private britische Konzern Ineos etwa, der inzwischen drittgrößte Chemiehersteller der Welt, fungierte in den letzen Jahren als eine Art Auffangbecken für ungeliebte Sparten westlicher Chemie- und Ölkonzerne. Ähnlich expansiv agiert der aus Russland stammende US-Investor Len Blavatnik mit seiner Holding Access Industries und deren Tochterfirma Basell. Im Bieterkampf um Huntsman hat er nun zwar dem Konkurrenten Hexion das Feld überlassen. Aber es gilt als ausgemacht, dass er weitere Transaktionen ausloten wird, etwa einen Einstieg beim großen US-Chemiekonzern Lyondell. Dort hält er bereits eine Option auf acht Prozent der Anteile. Den Nährboden für die M&A- Hektik bereitetet in erster Linie die Kombination aus – bislang noch – günstigen Finanzierungsbedingungen und einer unerwartet starken Konjunktur. Zudem haben etablierte Akteure wie BASF ihre operative Finanzkraft in den letzten Jahren erheblich gestärkt. Und damit auch ihre Fähigkeit, größere Aktionen meistern zu können. Gleichzeitig lockt in der Welt der Chemie ein nach wie vor gewaltiger Spielraum zur Konsolidierung. Denn im Gegensatz zu anderen „alten“ Industrien hat sich die Fragmentierung der Chemiebranche in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten eher verstärkt als verringert. Die Aufspaltung der alten Konglomerate der Großchemie und der teilweise Rückzug westlicher Ölkonzerne aus der Chemiebranche brachte seit Mitte der 90er-Jahre zahlreiche neue Akteure hervor, darunter Konzerne wie Ciba, Clariant, Celanese, Lanxess, Basell oder Arkema.

Die führenden 50 Hersteller der Branche bestreiten heute zusammen lediglich ein Drittel des Weltchemiemarktes. Selbst im Pharmabereich ist der Konzentrationsgrad mehr als doppelt so hoch, ganz zu schweigen von Branchen wie der Automobilindustrie. Auf die Phase der „Dekonsolidierung“ folgt nun offenbar eine Art Rekombination im Chemiesektor. Richtschnur für viele Transaktionen ist dabei der Versuch, Geschäfte stärker entlang bestimmter Wertschöpfungsketten oder mit Blick auf spezifische Produkt- und Kundengruppen zu bündeln. In einzelnen Teilsegmenten, etwa bei Industriegasen, Pflanzenschutzmitteln oder Aromastoffen, dominieren inzwischen nur noch einige wenige global agierende Anbieter das Geschehen. Doch der Löwenanteil der Branche ist nach wie vor zersplittert. Zumindest kartellrechtlich steht neuen Verbindungen in der Chemiewelt damit wenig entgegen. Die entscheidende Hürde besteht eher darin, die richtige Bewertung zu finden und die Deals auch finanzieren zu können.

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