China
Der Staat bekämpft selbstgeschaffene Probleme

Chinas designierter Staatschef ist aus der Öffentlichkeit verschwunden. Die Gerüchteküche brodelt. Die Führung Chinas schweigt, weil sie Angst hat. Doch das sie sich selbst zu verdanken.
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Wo ist er? Seit Tagen fehlt Xi Jinping, der voraussichtliche neue Staats- und Parteichef Chinas, unentschuldigt. Als er der US-Außenministerin Hillary Clinton in Peking einen Korb gab, dachten politische Beobachter noch, dies sei ein deutliches Zeichen, dass die chinesische Regierung sich darüber ärgert, wie die Amerikaner in Asien versuchen, gegen Peking Stimmung zu machen. Doch dann musste auch Lee Hsien Loong, der Regierungschef von Singapur und ein guter Freund Chinas, auf einen Empfang verzichten.

Seit Tagen nun ist der Kronprinz nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Und nun wuchern die Gerüchte im chinesischen Internet und werden von westlichen Medien dankbar weiterverbreitet. Krebs, ein Autounfall oder gar ein Machtkampf kurz vor dem Parteitag im Oktober? Die politischen Gepflogenheiten Chinas laden zu Spekulationen ein, denn der Gesundheitszustand der dortigen Führungskaste ist Staatsgeheimnis. Mich erinnert das sehr an die zweite Hälfte der 80er-Jahre, als die sogenannten Kreml-Astrologen auch jede Bewegung der Ostberliner Staatsführung akribisch beäugten. Und als bei einer SED-Parade der reformorientierte Kronprinz Günter Schabowski fehlte, der Mann, der später die Mauer öffnen sollte, war die Aufregung im Westen groß.

Hatte Honecker den einigermaßen charismatischen Parteichef von Berlin abserviert, vielleicht sogar auf Geheiß von Moskau, oder war er nur ein Bauernopfer in einem Machtkampf? Ich hatte Jahre später, die DDR war längst verschwunden, Gelegenheit, ihn danach zu fragen. "Ich hatte Grippe", lautete Schabowskis Antwort. Honecker hatte persönlich beschieden: "Günter, du bleibst besser im Bett."

Die Wahrscheinlichkeit, dass es Xi Jinping gerade ähnlich geht, ist relativ hoch. Allerdings sollte sich die chinesische Führung über die Gerüchte nicht beschweren und mit Internetzensur reagieren. Sie ist selbst schuld daran. Da sie ihren inneren Führungszirkel auch noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts in alter kommunistischer Tradition als Geheimbund organisiert, muss sie sich nicht wundern, wenn auf dem Nährboden der Intransparenz die Gerüchte sprießen. Einigkeit nach außen, auch wenn Entscheidungen im Politbüro umstritten waren, mag ja in diesem großen Land eine sinnvolle Sache sein. Aber warum ein Pressesprecher nicht einfach verkünden kann, was Herr Xi hat, ist nicht nachzuvollziehen. Offensichtlich hat die Führung Angst. Aber wovor? Dass eine Grippe einen Umsturz auslöst?

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

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