China
Globaler Katalysator

"Wenn China bebt, erzittert die Welt.“ Es sei gestattet, das berühmte Werk des französischen Politikers und Autors Alain Peyrefitte aus dem Jahr 1973 leicht abgewandelt auf die Erschütterungen an den Weltbörsen zu übertragen.

Ist China tatsächlich wirtschaftlich schon so mächtig, dass eine überfällige Kurskorrektur an der überbewerteten Schanghaier Börse die gesamte Finanzwelt in Angst und Schrecken versetzen kann? Wenn die Einschätzung des Schweizer Kapitalmarktexperten Marc Faber zutrifft, der seit ebenjenen Zeiten in Asien lebt, als Alain Peyrefitte erstmals vor der Erhebung des Riesenreichs warnte, war China nicht die Ursache, sondern nur der Katalysator für die Schockwellen, die in dieser Woche um den Globus jagen. Dass ein solcher Impuls überhaupt von der Volksrepublik ausgehen kann, zeigt aber auch, wie stark sie bereits in die Weltwirtschaft integriert ist.

Die enge Verflechtung der chinesischen Exportwirtschaft mit den Konsummärkten in den USA, Japan und Europa sowie der enorme Rohstoff- und Energiehunger machen China zu einem Schwergewicht der Globalisierung. China verändert die Arbeitsmärkte, die Produktionszyklen, die Waren- und Investitionsströme wie kein zweites aufstrebendes Schwellenland. Je mehr das Riesenreich die Farbe Rot ablegt und sich zu einer Marktwirtschaft wandelt, desto stärker wird es dem Prozess der Globalisierung seinen Stempel aufdrücken. Schon im nächsten Jahr darf es sich voraussichtlich mit dem Titel des Exportweltmeisters schmücken. Das ist kein Wert an sich, zeigt aber, welche globale Bedeutung China nach knapp 30 Jahren Reformpolitik erreicht hat.

Diese Verflechtung bietet nicht nur Vorteile, in ihr lauern auch Gefahren sowohl für die Finanz-als auch für die Gütermärkte. Sollte sich die Konjunkturerkältung in den USA zu einer veritablen Grippe auswachsen, wäre das Lieferland China als erstes betroffen. Der Boom der Volksrepublik beruht auf seinen Exporten. Brechen diese unerwartet stark ein, setzt ein Dominoeffekt rund um die Welt ein. Chinas Nachfrage nach Rohöl, nach Stahl, nach Erzen würde schlagartig sinken. Selbst wenn der chinesische Staat die schleppende Binnennachfrage dank seiner Devisenpolster von mehr als einer Billion Dollar stärker als bislang ankurbeln könnte, würden nicht nur die Emerging Marktes in den Strudel hineingezogen.

Die Folge wäre eine wirkliche Krise der Weltwirtschaft. Denn sobald China das Gros seiner Devisenüberschüsse nicht mehr in US-Staatsanleihen parkt, sondern im Inland anlegt, geraten die USA mit ihren horrenden Defiziten erst recht unter Druck. Die Hedge-Fonds sehen dieses Risiko immer klarer. Sie geben lieber einige Positionen in China auf, damit sie genügend Mittel verfügbar haben, um die Gefahren am Immobilienmarkt in den USA abzudecken. China kann mithin Auslöser eines künftigen Crashs werden, muss es aber nicht. Denn die Wachstumsdynamik der Volksrepublik ist ungebrochen. Sie hat nach wie vor einen immensen Hunger auf Rohstoffe, Technik und Wissen. Sie braucht Importe sogar in steigendem Maße, um die Modernisierung voranzutreiben. Denn Chinas Wandel zu einer modernen Industriegesellschaft steht erst am Anfang eines langen Prozesses.

Wahrscheinlicher ist daher, dass Peking seine kontrolliert-expansive Wirtschaftspolitik fortführt. Vielleicht mit einigen Korrekturen, um soziale Spannungen abzubauen und eine gerechtere Wohlstandsverteilung zu erreichen. Daher steht die eigentliche Herausforderung für die westlichen Industrieländer erst noch aus. Allenfalls Experimentalcharakter haben die tastenden Schritte der global tätigen chinesischen Unternehmen auf den Weltmärkten. Ihr Ziel ist jedoch, mit ausländischer Technologie rasch neue Weltmarken zu entwickeln und eines nicht zu fernen Tages Weltmarktführer zu werden. Zuerst in arbeitsintensiven Branchen, später in wissensbasierten. Noch liegt Chinas Anteil am Weltsozialprodukt bei wenig mehr als fünf Prozent. Schon in wenigen Jahrzehnten, so schätzen Analysten der großen Investmentbanken, wird China jedoch die Wirtschaftsleistungen der USA, Japans und Europas überflügeln. Gerät China dann einmal ins Straucheln, muss die Welt wirklich erzittern.

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