China
Kommentar: Blut oder Spiele

Der Westen muss offen lassen, ob er an den Olympischen Spielen teilnimmt. Nur so kann er Einfluss auf China nehmen und den Tibetern helfen.
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Im Leben vieler Sportler gilt die Teilnahme an Olympischen Spielen als Höhepunkt ihrer Laufbahn. Im Kalkül vieler Sponsoren gehören die Spiele zu den größten Werbeereignissen weltweit. Kein Wunder also, dass Vertreter beider Gruppen schon heute kategorisch jeden Boykott der Olympischen Spiele in China im August als größtmöglichen Schaden ausschließen wollen – ungeachtet der Tatsache, dass Unruhen in Tibet von der chinesischen Führung blutig niedergeschlagen werden.

Doch die Politik funktioniert zumindest in Demokratien nach anderen Gesetzen. Will sie glaubwürdig bleiben, muss sie für elementare Werte ihrer Gesellschaften eintreten. Dies gilt umso mehr, da viele Staats- und Regierungschefs zu den Olympischen Spielen nach China fliegen wollen. Sie würden dort die politische Kulisse für ein Weltereignis bilden, mit dem sich die kommende Supermacht China international präsentieren und profilieren will. Sie dürfen aber nicht zur Staffage verkommen, die von blutigen Unruhen ablenkt.

Deshalb müssen zwei Fehler in der Debatte über Tibet unbedingt vermieden werden. Zum einen ist es Unsinn, schon heute jede Form des Boykotts auszuschließen, sowohl für die Spiele insgesamt als auch für die Eröffnungsfeier. Das hat etwa Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy zu Recht betont. Niemand kann sagen, wie sich die Lage in Tibet entwickelt. Niemand weiß heute, ob die Reaktion der chinesischen Führung künftig maßvoller sein wird oder aber derart hart und blutig, dass dem Rest der Welt die Lust auf das Feiern friedlicher Sportspiele vergeht.

Zum anderen aber darf ein Boykott nicht mutwillig herbeigeredet werden, nur weil man sich mit einer Schaufensterpolitik innenpolitisch oder moralisch profilieren will. Es kann nicht darum gehen, China nun lustvoll zu düpieren. Maßstab des Handelns darf allein sein, was den Menschen in Tibet wirklich helfen könnte. Die Annexion des Landes haben die westlichen Demokratien und sogar der Dalai Lama dabei schon vor Jahrzehnten akzeptiert. Sie ist empörend, aber nicht mehr zu korrigieren. Heute kann es einzig und alleine um die Frage gehen, ob die Zentralregierung in Peking den Tibetern mehr Autonomie gewährt.

Genau dies sollten westliche Politiker in beharrlichen Gesprächen mit China einfordern. Auch eine kommende Supermacht muss lernen, dass sie in einer zunehmend globalisierten Welt nicht völlig losgelöst von allen anderen agieren kann. Und dass sie sich an ihre eigenen Bekenntnisse, etwa zu einem Rechtsstaats- und Menschenrechtsdialog, halten muss, wenn sie als Partner ernst genommen und nicht nur gefürchtet werden will.

Die internationale Kritik an dem Vorgehen in Tibet stellt dabei die wachsende Bedeutung Chinas nicht infrage. Sie ist auch keine Einmischung in innere Angelegenheiten. Den USA werden ebenfalls zu Recht fortwährende Menschenrechtsverletzungen etwa in dem US-Sondergefängnis Guantanamo vorgehalten.

Chinas Führung muss sich nun wegen des Widerspruchs kritisieren lassen, dass sie friedliche Weltspiele ausrichten will, aber blutig gegen die eigene Bevölkerung vorgeht. Peking selbst entscheidet letztlich mit darüber, wer im Sommer zu den Olympischen Spielen anreist und wer nicht.

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