China
Schotten auf

Wenn nur jeder Chinese sein Hemd einen Inch länger tragen würde, dann hätten die Webereien von Lancashire Arbeit für Generationen.“ So träumte ein britischer Geschäftsmann bereits um 1840 vom Riesenmarkt China. Und schon damals schwang in seinen Worten eine Ahnung mit, welchen Einfluss China als Wirtschaftsmacht einmal haben könnte, wenn es sich der Welt öffnen würde.

Vor fünf Jahren, am 11. Dezember 2001, hat China diesen Schritt mit seinem Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO vollzogen. Und wie vor mehr als 150 Jahren vermutet, sind die Folgen erheblich. Der WTO-Beitritt Chinas habe die Welt vielleicht stärker verändert als die Terrorattacken auf New York drei Monate zuvor, meint China-Experte David Zweig von der Hongkong University. Zum einen hat der Welthandel durch den WTO-Beitritt der Volksrepublik im Volumen enorm zugelegt. Vor allem aber ist China nicht nur ein weiteres WTO-Mitglied geworden, Peking ist heute einer der mächtigen Spieler in dieser Gemeinschaft. In den vergangenen fünf Jahren wurden die Machtverhältnisse innerhalb der WTO und im Welthandel bereits deutlich verschoben.

Aber auch das Riesenreich hat sich durch den WTO-Beitritt grundlegend gewandelt. Nur so konnte die Führung unter Jiang Zemin dem Land einen Reformprozess aufzwingen, zu dem es sonst kaum bereit gewesen wäre. China musste stückweise die WTO-Vorgaben erfüllen. Auch zum Jahrestag öffnet das Land noch einmal zügig Markt um Markt. Pünktlich zum 11. Dezember dürfen Auslandsbanken landesweites Geschäft betreiben und Privatkunden in China bedienen. Vor wenigen Tagen hat die Regierung angekündigt, dass der abgeschottete Telekommarkt schon 2007 „völlig zugänglich gemacht“ werden soll. Und auch die Ölbranche, bislang ebenfalls unter strikter staatlicher Kontrolle, erlaubt nun Konzernen wie BP oder Exxon Tankstellen in der viertgrößten Weltwirtschaft.

Seit 2001 ist der Anteil des Handels am chinesischen Bruttoinlandsprodukt von 44 auf 72 Prozent gestiegen. Mercedes-Limousinen, Großmärkte von Metro bis Ikea und immer mehr internationale Banken überall – China ist durch die WTO ein offeneres Land geworden. Aber es gibt nicht nur Gewinner. Für die chinesischen Bauern sieht die Welt zum Beispiel weniger rosig aus. Durch die sinkenden Agrarzölle können sie ihre Produkte kaum noch gut verkaufen, haben sich ihre miesen Lebensbedingungen weiter verschlechtert.

Und der Teufel liegt wie so oft im Detail. Während China auf der einen Seite die Öffnung einzelner Märkte verkündet, werden gleichzeitig still und leise überall neue Hürden und Hintertürchen geschaffen. Ob Banken, Telekom, Umwelt oder Energie – eine Mehrheitsbeteiligung ist internationalen Investoren weiter untersagt. Auslandsbanken müssen sich den Traum von eigenen Filialen in China mehrere hundert Millionen Euro kosten lassen. Und die neue Freiheit an der Tankstelle wird gleich gedeckelt: Lediglich 30 Stationen dürfen ausländische Marken betreiben, im Riesenreich eher ein Nischengeschäft.

Auch im Außenhandel interpretiert Peking den WTO-Gedanken auf seine Art. In den vergangenen Jahren hat China stark auf bilaterale Handelsvereinbarungen gesetzt. Mit dieser Politik der „Spaghetti-Verträge“ entstand ein undurchsichtiges Knäuel an Beziehungen, was nicht gerade dem Gedanken eines globalen Handelsabkommens dienlich ist. Denn jeder exklusive Schulterschluss mit einem Handelspartner schließt andere aus.

Einfacher ist die Welt mit Chinas WTO-Beitritt also nicht geworden. Die wichtige Frage für die kommenden Jahre wird sein, wie es nach der fünfjährigen Beitrittsphase weitergeht. Experten wie Stephen Roach, Chef-Volkswirt von Morgan Stanley, erwarten noch mehr Handelsauseinandersetzungen wie den „BH-Krieg“ um chinesische Textillieferungen. Vor allem beim Thema Raubkopieren und Patentklau dürfte es zwischen China und dem Rest der Welt noch richtig krachen. Die erste WTO-Klage gegen Chinas Importzölle bei der Einfuhr von Autoteilen gibt bereits einen Vorgeschmack darauf, dass die Neuordnung des Welthandels erst begonnen hat.

Das aber erfordert von allen Seiten ein Umdenken. Der Westen wird seine Strategie in Handelsstreitigkeiten mit China überdenken müssen, kann nicht mehr einfach auf alten Positionen beharren. China muss sich dagegen fünf Jahre nach dem großen Schritt auf die Weltbühne als Teil der Welthandelsorganisation nach internationalen Standards verantworten. Gelingt dies, war Chinas WTO-Schritt vor fünf Jahren nicht nur im Interesse der Volksrepublik, sondern auch im Sinne der Weltwirtschaft. Globalisierung ist eben keine Einbahnstraße.

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