Chipindustrie
Die Neuordnung

Die Zahlen sind katastrophal, schnelle Besserung ist nicht in Sicht: Daher scheint es nur allzu verständlich, dass Wolfgang Ziebart am kommenden Wochenende als Chef des Münchener Chipherstellers Infineon abgelöst wird.
  • 0

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass der 58-Jährige in den vergangenen vier Jahren seit seinem Amtsantritt keine schlechte Arbeit geleistet hat. Der ehemalige Conti-Vorstand hat genau die Strategie eingeschlagen, die für die nächsten Jahre den größten Erfolg in der Halbleiterbranche verspricht: die Konzentration auf einige wenige wachstumsstarke Segmente. Ziebart hat aber einen kapitalen Fehler begangen. Er hat die Aufspaltung der ehemaligen Siemens-Tochter nicht schnell genug vorangetrieben.

Geschwindigkeit ist jedoch entscheidend in der Chipindustrie, und das nicht nur in Entwicklung und Fertigung. Die gesamte Struktur der Branche ändert sich derzeit, doch Infineon war schlicht zu langsam. Hätte Ziebart seine hochdefizitäre Speichertochter Qimonda nur ein Jahr früher abgespalten, er gälte jetzt vermutlich als erfolgreicher Sanierer. So aber stolperte er über die horrenden Verluste von Qimonda. Die vergleichsweise guten Zahlen in dem im Konzern verbliebenen Kerngeschäft gingen dabei völlig unter.

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt in der Chipbranche schiere Größe als wichtigster Erfolgsfaktor. Die Erklärung dafür schien einleuchtend: Nur riesige Konzerne vom Format des Weltmarktführers Intel würden sich in Zukunft die hohen Forschungs- und Entwicklungsausgaben und die Milliarden für die neuen, hochgezüchteten Werke leisten können.

Inzwischen zeigt sich: Größe an sich ist kein Erfolgsgarant. Das liegt zum einen daran, dass die Firmen gar keine eigenen, teuren Fabriken mehr brauchen. Denn in den vergangenen Jahren sind Anbieter entstanden, die nichts anderes machen, als fertigen. Sie nehmen die Aufträge zahlreicher Halbleiterhersteller ins Haus und können so die gigantischen Kosten für die Werke einfacher stemmen.

Viel wichtiger ist es inzwischen, zu den Größten in ausgewählten Bereichen zu gehören. Die Erfolgsgeschichten der jüngsten Zeit haben Firmen wie Qualcomm geschrieben: Das Unternehmen aus Kalifornien verzichtet komplett auf eigene Werke und konzentriert sich ganz auf Kommunikationschips. Damit folgen die Amerikaner einem weiteren Trend: Forschungs- und Entwicklungskosten wurden früher vor allem dadurch getrieben, dass die Chips immer kleiner und leistungsfähiger wurden. Das werden sie auch in Zukunft, aber andere Faktoren sind mindestens ebenso wichtig geworden. Dazu gehört etwa die Fähigkeit, auf Kundenwünsche einzugehen. Das können vor allem die Spezialisten.

Die jüngsten Zusammenschlüsse in der Industrie spiegeln diese Entwicklung denn auch eindrücklich wider. So hat Europas Marktführer ST Microelectronics jüngst sein notleidendes Geschäft mit Speicherchips mit Weltmarktführer Intel zusammengelegt. Auf der einen Seite entsteht damit der führende Anbieter für sogenannte Flash-Speicher, wie sie etwa in Handys eingebaut werden. Auf der anderen Seite können sich ST und Intel nun ganz auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.

ST ging gleich danach einen Schritt weiter und übernahm das Mobilfunkgeschäft des Wettbewerbers NXP, um damit seine wichtigste Sparte zu verstärken. Ähnliches passiert derzeit unter den Dram-Herstellern. Fast alle Anbieter der zweiten Reihe verbünden sich, um auf ihrem Spezialgebiet größer und schlagkräftiger zu werden.

Auch der neue Infineon-Chef Peter Bauer wird vermutlich weiter in diese Richtung marschieren und versuchen, in ausgewählten Bereichen zu wachsen. Eine Fusion mit einem ähnlich ausgerichteten Wettbewerber ist dabei ebenso möglich wie der Kauf kleinerer Firmen oder einzelner Sparten. Denkbar ist auch, dass sich Infineon von weiteren Teilen trennt und noch stärker fokussiert.

Eins ist aber jetzt schon klar: Bauer wird Tempo machen müssen, wenn er das Schicksal seines Vorgängers vermeiden will. Rote Zahlen kann sich Infineon nicht mehr lange leisten. Sonst wird der Konzern einfach von einem Konkurrenten geschluckt und filetiert.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München

Kommentare zu " Chipindustrie: Die Neuordnung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%