Compliance
Totale Kontrolle

Compliance ist kein Selbstzweck, sondern nur ein Mittel zum Zweck.
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Ulrich Lehner, frisch gekürter Chefaufseher der Deutschen Telekom, hatte sich seinen neuen Job wohl nicht so vorgestellt. Kaum im Amt, muss der ehemalige Henkel-Manager auch schon die Ärmel aufkrempeln und einen Abhörskandal von veritablem Ausmaß aufklären. Lehner geht es wie Gerhard Cromme. Der stolperte vor gut einem Jahr bei Siemens aus der Rolle des einfachen Aufsichtsratsmitglieds unversehens in die Position des Chefaufklärers in einem Schmiergeldskandal von bislang unbekannter Dimension.

Lehner sollte sich genau ansehen, was Cromme seitdem in Gang gesetzt hat. Nicht nur, weil die Korruptionsbekämpfung in dem Münchener Konzern möglicherweise eine Blaupause für Bonn abgeben könnte. Lehner sollte auch genau hinsehen, wie Crommes Compliance-Offensive den traditionsreichen Konzern von Grund auf verändert und in seinen Grundfesten erschüttert. Siemens wird am Ende des noch Jahre dauernden Kampfes gegen schwarze Kassen und unerwünschte Netzwerke nicht mehr Siemens sein. Crommes Schwert heißt Compliance. Ob Lehner sich das auch für seine Telekom wünscht?

Der Begriff Compliance ist nicht per Zufall aus dem angelsächsischen Sprachgebrauch entlehnt. Die Übersetzung als „Befolgung von Verhaltensregeln, Gesetzen und Richtlinien“ klingt harmlos und beschreibt nicht einmal im Ansatz, welche Kraft hinter Compliance wirklich steckt. Ein zugespitzter Vergleich macht den radikalen Unterschied vielleicht deutlich: Nach tradierter Auffassung vom mündigen Staatsbürger hält sich jeder Deutsche an Recht und Gesetz. Es bedarf keiner zusätzlichen Verpflichtung. Unternehmen brauchen keine Firmengesetze.

Compliance dagegen unterstellt den Gesetzesbrecher. Ein Unternehmen muss daher bis ins letzte Detail das Verhalten seiner Mitarbeiter regeln, selbst wenn es dabei nur allgemein gültige staatliche Gesetze und gesellschaftliche Verhaltensregeln wiederholt.

So banal diese Definitionen klingen, so folgenreich ist die Praxis. Siemens gibt Hunderte von Millionen Euro dafür aus, die Fehler der Vergangenheit aufzudecken, Schuldige zu identifizieren und möglichen Schadensersatz einzufordern – weil es mit der Freiwilligkeit bei der Beachtung von Gesetzen nicht geklappt hat.

Parallel dazu baut Siemens aber ein völlig neues Compliance-System auf: harte Regeln, klare Zuständigkeiten, schmerzliche Konsequenzen. So versucht Aufsichtsratschef Cromme, den Schmiergeldsumpf auszutrocknen.

Das findet natürlich großen öffentlichen Beifall. Umso mehr entsteht jetzt Druck auf Crommes Kollege Lehner, Vergleichbares bei der Telekom zu installieren. Dort geht es zwar um den mutmaßlichen Versuch, undichte Stellen in Management und im Aufsichtsrat auf nicht ganz sauberen Wegen ausfindig zu machen. Doch lässt auch diese Affäre einen Blick auf das Innenleben des Bonner Telekommunikationskonzerns zu. Hier – wie in München – meinten Führungskräfte, sich nicht an die Spielregeln halten zu müssen.

Deshalb scheint es nur folgerichtig, ebensolche konzerninternen Regeln aufzustellen – und natürlich zu überwachen. Und genau hier liegt das eigentliche Dilemma der Compliance. Regeln und Vorschriften taugen nichts ohne Kontrolle.

Cromme wie Lehner werden in ihren Unternehmen weiter erfolglos gegen wie auch immer geartete Regelverstöße ankämpfen, wenn sie keine perfekt funktionierende Überwachung auf die Beine stellen. Mit anderen Worten: Gute Compliance setzt die totale Überwachung voraus. Diese Konsequenz haben die meisten Compliance-Fans noch gar nicht bedacht.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Manager und Mitarbeiter bei Siemens, Telekom und anderen Unternehmen laut Klage darüber führen, dass Verhaltenregeln, Compliance-Beauftragte und Korruptionsmeldepflichten ihnen die Luft zum Atmen nehmen. Was haben wir uns vor einigen Jahren noch darüber lustig gemacht, dass der amerikanische Handelskonzern Wal-Mart in Deutschland seinen Mitarbeitern sexistisches Verhalten per Firmenkodex ausdrücklich verbot. Heute würde niemand mehr darüber lachen.

Siemens und Telekom steuern schwierigen Zeiten entgegen. Ihre Chefaufklärer müssen die Balance finden zwischen notwendiger interner Kontrolle und den Folgen einer totalen Überwachung. Lehner steht bei der Telekom erst am Beginn dieser Aufgabe. Cromme dagegen muss jetzt darauf achten, der Compliance bei Siemens nicht alles unterzuordnen.

In München droht die Gefahr, vor lauter Schmiergeld-Panik das Rad zu überdrehen. In Bonn könnte die Aufregung um interne Spitzel vergleichbare Wirkung haben. Compliance ist aber kein Selbstzweck, sondern ein Mittel.

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