Computerbranche
Falsch gerechnet

Jetzt also sogar Dell. Experten sind alarmiert. Wenn das einstige Vorzeigeunternehmen in der PC-Industrie schon derart unter die Räder kommt, wo wird dann erst die gesamte Branche enden, fragen sie sich.

Ihre Sorge ist berechtigt. Zwar ist der „Absturz“ von Dell in vielen Punkten hausgemacht, aber dennoch zeigt er, in welchem Dilemma die gesamte Computerindustrie steckt: Trotz der seit Jahren laufenden Konsolidierung gibt es immer noch zu viele Anbieter, und bislang sind kaum Fertigungskapazitäten aus dem Markt genommen worden.

Daran ändert Dells unbestrittene Erfolgsgeschichte nichts. Im Gegenteil: Sie hat in der Branche über viele Jahre eine falsche Hoffnung genährt. Nämlich die, man könne einen Markt, der von Massenware und Überkapazitäten geprägt ist, als „Newcomer“ alleine mit einem relativ simplen, aber gleichwohl revolutionären Geschäftsmodell dauerhaft aufrollen.

Und tatsächlich: Über zwei Jahrzehnte kannte die Kurve der Dell-Verkäufe nur eine Richtung – steil nach oben. Das Modell eines Direktverkaufs ohne Händler und einer Fertigung nur nach Auftrag schien aufzugehen. Am Ende stand Dell für ein Drittel des wichtigen US-Marktes und für fast ein Fünftel des Weltmarktes.

Doch dieser Erfolg täuscht. Denn die Stärke Dells war immer auch die Schwäche der anderen. So bastelte IBM an einem Konzept als weltweit führender Dienstleister und verabschiedete sich schließlich aus dem PC-Geschäft. Erzrivale Hewlett-Packard wiederum war mehr mit der Integration von Compaq beschäftigt als mit dem Verkauf von PCs.

Kein Zweifel, das Dell-Modell war genial und bescherte dem Unternehmen über Jahre hinweg Margen, die den gesamten Rest der Branche vor Neid erblassen ließen. Doch mittlerweile haben die Rivalen Teile davon mit Erfolg kopiert. Innerhalb weniger Quartale ist der Vorsprung Dells dahingeschmolzen. Plötzlich bestimmen Wettbewerber wie HP die Preise, und der Herausforderer muss nachziehen.

Nun zeigen sich die Schattenseiten des Modells. Während HP beim Verkauf über Händler mit einem umfassenden Service beim Kunden punkten kann, fällt dies Dell schwer. Pannen wie der jüngste Rückruf von über vier Millionen Notebooks tun da ihr Übriges.

Dazu hat es Dell anders als HP versäumt, Laptops mit zusätzlichen Extras aufzumöbeln, die etwa das Handling der mobilen Geräte verbessern. Das ist für Dell und seine Aktionäre bitter und verheißt auch für die gesamte Branche wenig Gutes. Vor allem trifft dies Deutschland, hinter Großbritannien der zweitgrößte PC-Markt Europas. Erstmals seit vier Jahren ist im zweiten Quartal die Zahl der verkauften Rechner hier zu Lande gesunken – und zwar gegen den weltweiten Trend. Rund um den Globus legten die Verkäufe im zweiten Quartal um immerhin elf Prozent zu.

Die Flaute hat mehrere Gründe. Zum einen haben die Firmen ihren PC-Bestand mittlerweile modernisiert. Branchenkenner erwarten, dass sich daran bis 2008 kaum etwas ändern wird. Zum anderen halten sich auch die Privathaushalte beim Kauf neuer Computer zurück, ungeachtet eines massiven Preisverfalls.

Sorgen wegen einer wachsenden Belastung etwa bei den Gesundheitskosten dürften dem einen oder anderen dabei die Kauflaune mächtig verdorben haben. Darüber hinaus fehlen die Kaufanreize. Außer einer immer höheren Leistung finden sich auf der Hardware-Seite, also bei den Geräten, kaum wirkliche Neuerungen. Auch bei den Programmen herrscht Flaute. So hat Microsoft sein neues Betriebssystem Vista nochmals verschoben. Gerade die neuen Betriebssysteme waren es aber, die in der Vergangenheit stets die Nachfrage nach neuen Computern angetrieben haben.

Diese Gemengelage trifft auf einen Markt, der von großen Überkapazitäten gezeichnet ist. Zwar rollt die Konsolidierungswelle bereits seit Jahren, und die fünf größten PC-Hersteller bedienen heute rund 50 Prozent der weltweiten Nachfrage. Vor sechs Jahren war dies noch anders. Da erreichten sie gerade mal einen Wert von 38 Prozent.

Doch in erster Linie sind allein die Herstellernamen verschwunden. So gibt es heute keine IBM-Rechner mehr, da Big Blue die Sparte an Lenovo verkauft hat. Dafür tauchen die Computer nun unter dem Namen Lenovo auf. Und das mit Macht: Die Chinesen wollen in spätestens zwei Jahren einen Marktanteil von zehn Prozent erreichen. Die Folgen sind klar: Der jetzt schon heftige Preiskampf –pro Quartal geht es im Schnitt um zehn Prozent runter – wird sich noch einmal verschärfen. Es droht eine neue Übernahmewelle. Die aber wird weitaus schärfer ausfallen als die vorherige. Denn jetzt geht es nicht mehr um neue Märkte, sondern darum, Kapazitäten aus dem Markt zu nehmen. Die eine oder andere Insolvenz ist dabei schon programmiert.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%