Contra
Digitaler Exhibitionismus

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion macht Facebook das Freundeportal zu einem Tagebuch im Internet. Und dabei vertritt das Netzwerk, das sich sozial nennt, die Interessen der Werbepartner - und stößt die Nutzer vor den Kopf.
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Facebook hat ein ganz besonderes Talent, seine Nutzer mit überraschenden und unangekündigten Veränderungen zu verwirren und häufig genug zu verärgern.

Ein Beispiel gefällig? Hartnäckig zeigt Facebook seit einiger Zeit immer wieder die Neuigkeiten meiner Freunde in einer Reihenfolge, die nach nicht nachvollziehbaren Kriterien ausgewählt wurde. Facebook nennt das „Hervorgehobene Meldungen zuerst“ – was immer das auch bedeutet. Regelmäßig stelle ich auf „Neueste Meldungen“ um, doch bei jedem neuen Einschalten weiß Facebook wieder, was besser für mich ist - und stellt zurück.

Waren solche Kleinkriege noch mit einem gewissen Humor zu ertragen, hat das Netzwerk bei der neuen Timeline-Chronik meine Geduld überreizt. Bisher war Facebook ein Dienst, der es einem ermöglichte, mit Freunden und Bekannten interessante Neuigkeiten und bizarre Fundstücke aus dem Netz zu teilen. Jetzt mutiert es ohne zu fragen zum Tagebuch meines digitalen Lebens.

Sicher, alle die Daten waren auch bisher irgendwo in den Tiefen meines Facebook-Profils versteckt. Doch jetzt breitet die Timeline mein Leben plakativ auf den ersten Blick für alle aus, fällt praktisch beim ersten Kennenlernen mit der Tür ins Haus. Und der Nutzer hat keine Wahl: Entweder wird er zum digitalen Exhibitionisten – oder aber er versteckt alle seine Inhalte endgültig vor den Freunden.

Die Intention hinter der Attacke auf die Privatsphäre ist klar: Facebook reicht es nicht, alles über uns zu wissen. Das Unternehmen will das auch in der Öffentlichkeit ausbreiten, um unsere privaten Daten maximal kommerziell ausschlachten zu können. Denn nur so kann zielgerichtet die passende Werbung zu den Inhalten geschaltet werden.

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