Corporate Governance
Endlich Bewegung

Gut drei Jahre gibt es jetzt den Corporate-Governance-Kodex in Deutschland, die Regeln für eine transparente und gute Unternehmensführung. Und die großen Konzerne taten sich bislang eher schwer mit diesen Vorschlägen. Mehr Einblick von außen war auf den Vorstandsetagen nicht unbedingt erwünscht.

Doch in letzter Zeit häufen sich die positiven Entwicklungen in Sachen Corporate Governance. Das neueste Beispiel liefert Volkswagen: Der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch will im nächsten Jahr auf den Spitzenposten in dem Kontrollgremium verzichten.

Piëch hat erkannt, dass er persönlich zu einer Belastung geworden wäre, wenn er dauerhaft auf diesem Posten beharrt hätte. Die Familien Piëch und Porsche sind die wichtigsten Anteilseigner des Stuttgarter Sportwagenherstellers. Aus Gründen der Corporate Governance ist es fragwürdig, dass der neue VW-Anteilseigner Porsche mit Ferdinand Piëch den Stuhl des Aufsichtsratschefs besetzt. Das Kontrollgremium soll an erster Stelle VW-Interessen verfolgen. Und das ist eben nicht immer garantiert, wenn das Herz auch für Porsche schlägt.

Bei einer konsequenten Anwendung der Corporate-Governance-Regeln hätte Piëch auch aus einem anderen Grund nicht Chef des Aufsichtsrats werden dürfen. Denn diese Regeln schließen aus, dass ein Vorstandsvorsitzender direkt nach dem Auslaufen seines Vertrags an die Spitze des Kontrollgremiums rückt. Es gilt, Interessenkonflikte zu vermeiden. Doch genau daran hat sich Piëch nicht gehalten. Er war zehn Jahre Vorstandschef von VW. Dass es inzwischen einen Sinneswandel in diesen Dingen gibt, zeigt das Beispiel Daimler-Chrysler: Der Ende vergangenen Jahres ausgeschiedene Konzernchef Jürgen Schrempp hat auf den Spitzenplatz im Aufsichtsrat verzichtet.

Offen ist allerdings noch, ob Ferdinand Piëch im Jahr 2007 nur auf den Aufsichtsratsvorsitz oder gleich komplett auf ein Mandat im Kontrollgremium verzichten wird. Eine saubere Lösung wäre, wenn Piëch einen Schlussstrich zieht und sich ganz verabschiedet. Porsche will noch in diesem Jahr zwei Vertreter in den VW-Aufsichtsrat entsenden. Das ist genug. Zudem kündigt der Sportwagenbauer an, dass die neuen Porsche-Aufsichtsräte nicht den Vorsitz im VW-Kontrollgremium übernehmen werden. Das unterstreicht, dass das Stuttgarter Unternehmen inzwischen die nötige Sensibilität beim Thema Corporate Governance besitzt.

Als Sieger im Streit um Piëch darf sich Ministerpräsident Christian Wulff fühlen, der für das Land Niedersachsen im VW-Aufsichtsrat sitzt. Er hatte schon vor Monaten auf die heikle Personalie Piëch hingewiesen. Immerhin sorgt die jetzt gefundene Lösung dafür, dass sich die beiden wichtigsten VW-Aktionäre, Porsche und das Land Niedersachsen, bei der Lösung dieses Streits nicht mehr gegenseitig blockieren. VW kann sich wieder auf seine eigentliche Aufgabe konzentrieren: Autos zu bauen.

VW, Porsche und Piëch haben der Corporate Governance auf jeden Fall einen guten Dienst erwiesen. Andere Unternehmen sollten sich an diesem Vorbild orientieren und ebenfalls für mehr Offenheit und Transparenz sorgen. Im internationalen Vergleich haben etliche deutsche Firmen jedenfalls noch jede Menge Nachholbedarf.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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