Daimler-Chrysler
Analyse: Aufstand der Hilflosen

Zum triumphalen Start bemühte Daimler-Chef Jürgen Schrempp damals noch Puccini. So wie der Komponist in „Madame Butterfly“ zwei musikalische Kulturen zusammengeführt habe, so würden Daimler-Chrysler und Mitsubishi Motors zwei Welten zusammenfügen, besang Schrempp damals den Einstieg beim japanischen Autohersteller.

Vier Jahre später hat sich die beabsichtigte Einheit jedoch weitgehend in Kakofonie aufgelöst: falsche Prognosen, miserable Zahlen und ein Kapitalbedarf in Milliardenhöhe – von Mitsubishi sind derzeit vor allem schrille Töne zu hören. So fällt die Bilanz der von Schrempp kreierten Welt-AG heute ernüchternd aus.

Denn Mitsubishi ist beileibe nicht die einzige Sorge des fünftgrößten Autokonzerns der Welt. Die Liste der Problemfälle unter dem Stern-Emblem findet auch im sechsten Jahr der Fusion von Chrysler und Daimler kein Ende: Noch immer ist die US-Sparte Chrysler ein Sanierungsprojekt, die Beteiligung beim Mautbetreiber Toll Collect geriet zur monatelangen Peinlichkeit, und auch der spektakuläre Kerkorian-Prozess in den USA belastet mit negativen Schlagzeilen.

Erfolgreich sind im Konzern nur jene Teile, die einst bereits die Daimler-Benz AG ausmachten: die Premiummarke Mercedes, die Nutzfahrzeuge und die Finanzdienstleistungen. Sosehr sich Schrempp auf der Hauptversammlung in Berlin auch bemühen wird, es wird ihm schwer fallen, die rund 9 000 Aktionäre vom bisherigen Erfolg seiner Strategie zu überzeugen. In Stuttgart ist man mit Entschuldigungen für die Misere zwar schnell zur Hand: die lahmende Konjunktur weltweit, die beinharte Rabattschlacht auf dem US-Markt. Der Hersteller verweist auf die Krise von Fiat und VW und vertröstet die Anleger auf die nächsten Jahre. Doch fast neun Jahre nach dem Amtsantritt ist Schrempp seinem Ziel, die Nummer eins unter den Autobauern der Welt zu werden, kaum einen Schritt näher gekommen.

Dabei steht für ihn auch persönlich viel auf dem Spiel: Ein Ausstieg bei Mitsubishi wäre das Eingeständnis, dass seine Vision von der Welt-AG mit ihren Pfeilern in Asien, Nordamerika und Europa gescheitert ist. Der 59-Jährige, als Architekt dieses Konstrukts, wäre dann nur noch schwer zu halten. Der Daimler-Boss ist deshalb zum Weitermachen verdammt, will er nicht sein ganzes Lebenswerk in Frage stellen. Jetzt rächt es sich, dass Schrempp in seinen Plänen niemals einen Notausstieg vorgesehen hat. So sind die Stuttgarter, allen kämpferischen Äußerungen zum Trotz, auf Gedeih und Verderb an das Schicksal ihrer krisengeschüttelten Auslandseinkäufe gefesselt – und die haben sich in den vergangenen Jahren zu Milliardengräbern entwickelt.

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