Daimler-Chrysler
Analyse: Hase und Igel

„Wir erhöhen die Rabatte“, rufen GM und Ford, wenn Chrysler die Kosten gerade mal wieder gesenkt hat, um endlich zurück in die Profitabilität zu kommen. Groß sind deshalb die Zweifel, dass die US-Sparte in diesem Jahr die Gewinnzone erreicht.

Dieter Zetsche, Chef der amerikanischen Daimler-Tochter Chrysler, dürfte sich derzeit vorkommen wie der Hase in Grimms Märchen vom Hasen und Igel: „Ich bin schon da“, rief der Igel (oder seine Frau) dem Hasen zu, wenn dieser in vollem Lauf auf der anderen Seite des Ackers ankam. „Wir erhöhen die Rabatte“, rufen die US-Konkurrenten General Motors und Ford, wenn Zetsche die Kosten gerade mal wieder gesenkt hat, um endlich Chrysler zurück in die Profitabilität zu führen. Groß sind deshalb die Zweifel, dass die US-Sparte nach dem Verlust von fast einer Milliarde Euro im zweiten Quartal in diesem Jahr überhaupt die Gewinnzone erreicht – auch wenn Konzernchef Jürgen Schrempp gestern bei der Vorstellung der Quartalszahlen immer noch Hoffnung verbreitet hat.

Denn ein kurzfristiges Ende der Rabattschlacht auf dem amerikanischen Automarkt ist nicht zu erwarten. Keiner der drei großen amerikanischen Autohersteller – allen voran General Motors – ist gewillt, Überkapazitäten vom Markt zu nehmen. Stattdessen will jeder von ihnen die Wettbewerber dazu zwingen, die eigenen Strukturprobleme energisch in Angriff zu nehmen.

Dabei stehen die Gewinner im gnadenlosen Preiskampf der amerikanischen „Big Three“ längst fest: Es sind die japanischen und auch die europäischen Autohersteller, die durch bessere Produkte und höhere Produktivität laufend Marktanteile gewinnen. Zudem haben sie nicht wie die US-Hersteller die erheblichen Lasten hoher Pensionsverpflichtungen und Gesundheitsausgaben zu schultern.

Selbst für den Fall, dass die US-Konjunktur anzieht, bezweifeln Experten, dass die Rabatte deutlich zurückgehen werden. Im Gegenteil: Im nächsten, traditionell schwachen dritten Quartal fürchtet manch einer ein weiteres Anziehen der Rabatte. Mit einer baldigen Atempause ist also nicht zu rechnen. Der US-Verbraucher hat sich längst an die kräftigen Dreingaben von bis zu 4000 Dollar gewöhnt. Erst ein längerer Aufschwung dürfte eine deutliche Entlastung an der Preisfront bringen.

Damit ist der Traum ausgeträumt, Chrysler schon bald zur alten Profitabilität zurückzuführen. Ursprünglich hatte Daimler-Chrysler für die US-Sparte in diesem Jahr immerhin ein Betriebsergebnis von zwei Milliarden Dollar in Aussicht gestellt. Auf Zetsche, der im Herbst 2000 als Sanierer von Stuttgart zu Chrysler nach Auburn Hills geschickt wurde und der sich 2003 längst auf der Erfolgsstrecke gewähnt hatte, wartet stattdessen ein weiteres steiniges Wegstück. Dabei wurde Zetsche schon als Nachfolger von Konzernchef Schrempp gehandelt, dessen Vertrag zur Hauptversammlung 2005 ausläuft. Jetzt dürfte es um dieses Thema erst einmal ruhig werden.

Aber nicht nur von weiteren Kosteneinsparungen, sondern insbesondere vom Erfolg der neuen Modelle, die in den nächsten Jahren auf den Markt kommen, hängt es ab, ob sich Chrysler zumindest teilweise aus der Rabattschlacht befreien kann. Ein schwieriger Job: Zetsche und sein Team müssen den US-Verbraucher davon überzeugen, dass sich ein Chrysler- Fahrzeug nicht nur über den Preis definiert. Doch ein Image zu verändern ist langwierig und kompliziert. Kein Wunder, dass die Nervosität in der Stuttgarter Konzernzentrale deutlich wächst: Der Hase im Märchen jedenfalls kam beim vierundsiebzigsten Mal nicht mehr ans Ziel. Mitten auf dem Acker stürzte er zu Boden und blieb da liegen.

Ein Trost bleibt Zetsche immerhin: Daimler-Chrysler wird dank des anhaltenden Erfolgs der Mercedes-Benz-Personenwagen nicht so schnell die Luft ausgehen. Und dem Stuttgarter Konzern mit dem Stern bleibt nicht viel anderes übrig, als sein amerikanisches Abenteuer durchzuhalten. Denn eine Trennung von Chrysler à la BMW bei Rover vor einigen Jahren wäre schwierig, zumal es zum Konzept gehört, die einzelnen Konzerntöchter durch Gleichteilestrategien und Ähnliches immer enger zu verzahnen. Potenzielle Käufer sind jedenfalls nicht in Sicht.

In den Sternen steht damit allerdings, ob sich der Traum der automobilen Welt AG von Konzernchef Jürgen Schrempp einmal auszahlt. Denn auch auf der anderen Seite der Weltkugel läuft es derzeit nicht so, wie es Schrempps Masterplan vorsieht: Auf der zweiten großen Baustelle, bei der japanischen Beteiligung Mitsubishi Motors, an der der Stuttgarter Konzern rund 37 Prozent der Anteile hält, ist der Sanierungsmotor ebenfalls ins Stocken gekommen. Gestern musste der japanische Autobauer eine Gewinnwarnung abgeben.

Eines steht jedenfalls fest: Für die Aktionäre hat sich die Fusion von Daimler-Benz und Chrysler von 1998 nicht gerechnet.

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