Daimler-Chrysler-Trennung
Grabrede auf die Welt AG

Der Verkauf von Chrysler steht fest, die Finanzmärkte blicken weiter voraus. Doch gerade jetzt lohnt sich ein Rückblick auf die Ursachen der Fehler, die zur missglückten Welt AG führten - findet Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer .
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An den Finanzmärkten kennt man nur eine Blickrichtung: nach vorn, immer nur weit nach vorn. Als Jürgen Schrempp am 28. Juli 2005 seinen Rücktritt als Vorstandschef von Daimler-Chrysler erklärte, stieg die Aktie des Konzerns um über zehn Prozent. Die Finanzmärkte erwarteten schon damals im Kern das, was Schrempps Nachfolger Jürgen Zetsche jetzt durchzieht: den endgültigen Rückbau der „Welt AG“. Und wieder schauen die Finanzmärkte nach vorn, weit nach vorn. Sie erwarten nach dem gestrigen Deal mit den Finanzinvestoren von Cerberus eine relativ reibungslose Trennung von Daimler und Chrysler.

Soll man Zetsche deshalb als großen Strategen feiern? Dazu besteht kein Anlass. Seit dem 28. Juli 2005 blieb ihm letztlich keine andere Wahl, als das amerikanische Abenteuer seines Vorgängers zu beenden. Es waren andere im Aufsichtsrat und im Vorstand von Daimler-Chrysler, die mit der Trennung sehr viel früher schwanger gingen als Zetsche selbst. Warum sonst wurde noch vor einigen Monaten der Finanzvorstand des Konzerns zurückgepfiffen, der offen über einen möglichen Verkauf gesprochen hatte? Spätestens seit das Unternehmen öffentlich über die „Prüfung aller Optionen“ für Chrysler orakelte, gab es eigentlich keine Optionen mehr für Zetsche: Die Kapitalmärkte hätten den Stuttgarter Autohersteller brutal abgestraft, wenn der Vorstandschef am Ende doch Chrysler behalten hätte.

Zetsche vollzieht also nur, was er vollziehen muss. Wollte man eine Grabrede auf die Welt AG halten, die ja Zetsche lange genug selbst favorisierte, man käme mit einem einzigen Satz aus: Das Ding funktionierte einfach nicht. Niemals. Von Anfang an nicht. Alles andere kann man getrost als Geschichtsklitterung abbuchen. Noch immer aber gilt es in weiten Kreisen des Konzerns als Sakrileg, offen über das Debakel der Ära Schrempp zu richten. Auch viele Mitläufer Schrempps möchten, dass wir nur noch nach vorn blicken. Fehlentscheidungen, vernichteter Börsenwert, ein Abschreibungsbedarf von einigen Milliarden? Tempi passati.

An einem Punkt aber wäre es für Daimler-Chrysler selbst und für die deutsche Wirtschaft im Ganzen sehr sinnvoll, noch einmal zurückzublicken: Unternehmerische Entscheidungen, vor allem grundsätzliche Weichenstellungen, sind immer riskant. Nicht das Scheitern Schrempps muss man also beklagen. Aber bei Daimler-Chrysler konnte es Fehler auch deshalb geben, weil der Konzern über viele Jahre ein Musterbeispiel für verfehlte Corporate Governance war. Schrempp, sein Aufsichtsratschef Hilmar Kopper und der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Erich Klemm schalteten und walteten über lange Strecken nach Gutsherrenart und kümmerten sich wenig um Vorstands- oder gar Aufsichtsratsbeschlüsse. Ohne dieses unglückselige Triumvirat wäre vieles anders, manches besser gelaufen.

Nur wenn sich der neue Daimler-Konzern ohne Chrysler wieder auf eine vernünftige Einhaltung der Regeln guter Unternehmensführung besinnt, seinen eigenen Aufsichtsrat ernst nimmt und nicht mehr mehrheitlich mit unkritischen Ja-Sagern besetzt, bleibt dem Konzern künftig vielleicht eine weitere Kapitalvernichtung erspart.

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