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Das Prinzip von Pierer

Heinrich von Pierer gilt als ein integrer Mann.

Kungelei, Schiebung oder gar Bestechung passen nicht zum Franken mit dem preußischen Habitus. Heinrich von Pierer hat einen Ruf, deshalb wird er auch jenseits aller ideologischen Grenzen geschätzt. Ob Ex-Kanzler Schröder oder die Regierungschefin Merkel – Sozialdemokraten wie Konservative setzen auf seinen Rat, bei Technologieförderung wie Globalisierung. Von Pierer war immer ganz nahe an der Macht. Er ist das Gesicht der deutschen Wirtschaft in der Welt.

Diesen von Pierer droht nun ein Korruptionsskandal ungeahnten Ausmaßes wegzufegen. Seinen Rücktritt zu fordern ist wohlfeil. Natürlich muss der Chef eines Unternehmens für das geradestehen, was unter seiner Regie verbockt wird, selbst wenn es nur Mitarbeiter gewesen sein sollten. Bei Siemens regiert keine anonyme Konzernmafia, der Skandal ist Folge eines Systemfehlers.

Und an der Spitze dieses Systems stand in dem maßgeblichen Zeitraum von Pierer. Daraus muss er die Konsequenzen ziehen. Viel schwerer als ein einmaliges Managementversagen wiegt allerdings, dass ausgerechnet der unangreifbare von Pierer sträflich die Regeln einer guten Unternehmensführung verletzt hat. Der Münchener Fall verdeutlicht wie kaum ein anderer, dass ohne Corporate Governance keine moderne Unternehmensführung möglich ist.

Zum Selbstverständnis des Siemens-Urgesteins von Pierer gehörte es, nach 13 Jahren als Vorstandschef nahtlos in den Aufsichtsratsvorsitz zu wechseln. Das machen viele seiner Kollegen so, noch immer. Und damit beginnt der Skandal, der weit über den klassischen Konflikt hinausgeht, dass ein Ex-Vorstand als Firmenkontrolleur seine eigene Strategie zerschlagen müsste. Hier handelt es sich darum, dass der Chefkontrolleur seine eigenen Versäumnisse in der Vergangenheit recherchieren und am Ende sanktionieren müsste. Eine abwegige Vorstellung: Nur unabhängige Aufsichtsräte sind dazu in der Lage. Von Pierer gilt bis zum Beweis des Gegenteils als integer, unabhängig ist er bestimmt nicht.

Im Unternehmen wird er respektvoll VP genannt, liebevolles Kürzel für seine ungebrochene Macht im Hause. Wie sonst ist es zu erklären, dass selbst der zuständige Expertenstab des Aufsichtsrates keinen Alarm geschlagen hat? Ist diesem Prüfungsausschuss wirklich nie etwas aufgefallen: 200 Millionen, vielleicht sogar 400 Millionen Euro suspekte Buchungen? Darüber müsste man selbst in einem Milliarden-Konzern stolpern. Erst recht, wenn an der Spitze dieses wichtigen Kontrollgremiums Gerhard Cromme, der Spiritus Rector des deutschen Corporate-Governance-Kodexes, sitzt.

Auch dessen mögliche Versäumnisse dürfen natürlich nicht von den eigentlichen Verantwortlichkeiten im Hause Siemens ablenken. Heinrich von Pierer zählt zu der alten Garde deutscher Spitzenmanager. Darauf ist er stolz. Die Traditionalisten pflegen ganz eigene Prinzipien der Unternehmensführung und -kontrolle, die allerdings Forderungen nach Unabhängigkeit und Transparenz oft ignorieren.

Von Pierer hat sich verfangen in diesen Traditionen. Eine lückenlose Aufklärung des unglaublichen Skandals bei Siemens ist ohne ihn nicht denkbar. Mit ihm als Chefaufseher aber auch nicht.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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