Datenschutz
Das Internet vergisst nichts

Vielen Nutzern fehlt das Bewusstsein, wie wertvoll persönliche Informationen sind.
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Anfang der 80er-Jahre haben sich Millionen Deutsche lautstark gegen die geplante Volkszählung gewehrt. Dass sie dem Staat Auskunft über ihre persönlichen Angelegenheiten geben sollten, war vielen Menschen nicht geheuer. Die ursprünglich für 1981 angesetzte Befragung kam deshalb erst sechs Jahre später zustande.

Inzwischen sind solche Bedenken vielen Leuten völlig fremd. Um eines fernen Tages ein paar Euro zu sparen, lassen sie sich Dutzende Kunden- und Rabattkarten aufschwätzen und geben nicht nur Adresse, E-Mail und Telefonnummer preis, sondern offenbaren auch noch ohne Not ihre Einkaufsgewohnheiten.

In sozialen Netzwerken gehen vor allem Jugendliche noch weiter. Sie berichten über intime Details ihres Lebens und stellen Fotos online, die frühere Generationen fest verschlossen in einer Büchse unterm Bett gelagert haben in der Hoffnung, dass die Mutter sie beim Saugen übersieht.

Keine Frage: Das Verhältnis der Deutschen zu ihren persönlichen Daten hat sich schwer gewandelt. Die Hemmschwelle, auch vertrauliche Einblicke zu gewähren, ist gesunken. Dass diese Entwicklung außerordentlich gefährlich ist, zeigt sich immer wieder. Fast täglich werden neue Fälle bekannt, in denen Kriminelle sensible Informationen verkaufen wollen. Doch nicht immer sind Verbrecher am Werk, zum Teil werden Kontonummern auf Datenträgern im Müll gefunden oder kursieren irgendwo in den Weiten des Internets. Es ist bezeichnend für den unbekümmerten Umgang der Deutschen mit ihren Daten, dass kein Aufschrei durch die Gesellschaft geht. Vielen Menschen fehlt jedes Bewusstsein, dass das ganze Land jetzt dringend die Notbremse ziehen muss. Privatpersonen und Unternehmen sind gefordert. So wie bisher kann es nicht weitergehen, sonst gibt es in ein paar Jahren keinerlei vertrauliche Angaben mehr.

Die viel beschworene vernetzte Welt steht erst ganz am Anfang. Soziale Netzwerke sind nur ein ganz kleiner Schritt auf dem Weg in ein Leben, das immer stärker vom Internet beherrscht wird. Das gilt nicht nur für den privaten Bereich, wo Online-Shopping und Internet-Banking schon jetzt zum Alltag gehören.

Viel stärker als bisher werden Unternehmen künftig ihre Informationstechnologie (IT) auslagern, werden aus Kostengründen auf weltweit verteilte Computer zurückgreifen und ihre Daten rund um den Globus verarbeiten und speichern. Per Notebook oder Smartphone wird der mobile Mensch des 21. Jahrhunderts auf diese Netzwerkrechner, die sogenannten Server, zugreifen, wo immer er sich gerade aufhält. Cloud-Computing nennt die IT-Branche dieses Konzept, das die Anbieter derzeit mit aller Macht in den Markt drücken. Der Datenverkehr wird massiv zunehmen - und mit ihm die Gefahr, dass Kriminelle die Datenströme beeinflussen und anzapfen.

Privatleute sind auf diesem Gebiet die Vorreiter. Sie unterhalten elektronische Postfächer bei Yahoo, Google oder einen der vielen anderen Mail-Dienstleister und haben keine Ahnung, wo ihre Daten liegen und wer außer ihnen darauf Zugriff hat. Kaum ein Nutzer ist sich stets bewusst, dass eine E-Mail genauso sicher - oder unsicher - ist wie eine gewöhnliche Postkarte. Wem sie in die Hände fällt, der kann sie lesen und - schlimmer noch - wegwerfen oder manipulieren.

Derzeit sieht es so aus, als sei der Schaden noch nicht groß genug, um die Leute wachzurütteln. Dabei geht es letztlich um ihr Hab und Gut. Wer seine Bankdaten auf gefälschten Internetseiten einträgt, dem ist wahrscheinlich noch nie von Betrügern das Konto leer geräumt worden. Wer Videoclips vom letzten Komasaufen oder dem feuchtfröhlichen Skiwochenende für alle Welt zugänglich ins Netz stellt, den hat wohl noch niemand darauf hingewiesen, dass auch die Personalabteilungen der Firmen einen Web-Anschluss besitzen.

Zugegeben, es sind nicht nur die Bürger, die gefordert sind, endlich ihr Hirn einzuschalten. Auch die Unternehmen müssen etwas tun. Wer einen neuen Handyvertrag abschließt oder eine Reise bucht, der muss sicher sein, dass seine Angaben nicht wie wild von einem Call-Center an das nächste weitergereicht werden - so lange, bis niemand mehr die Kontrolle hat.

Dazu kommt: Wenn Firmen ihre IT an einen externen Dienstleister auslagern, dann darf dies nicht auf Kosten des Datenschutzes geschehen. Wer Informationen verschickt, der muss sie gegebenenfalls verschlüsseln. Und wer als Chef ausschließen will, dass seine Leute Informationen klauen, der sollte Terminals in Betracht ziehen, die keine Anschlüsse für externe Speichermedien haben und ohne Festplatte auskommen.

Sicher, es gibt schon einige Zeit Initiativen, die sich der Sache annehmen, etwa den von der Industrie getragenen Verein "Deutschland sicher im Netz". Doch es zeigt sich: Die Wirkung der Aufklärungsmaßnahmen ist gering. Der Datenexhibitionismus schreitet noch immer voran.

Als Allererstes sind in jedem Fall die Eltern gefordert. Sie sollten ihren Kindern schon früh klarmachen, dass soziale Netzwerke keine Poesiealben in elektronischer Form sind. Das Poesiealbum verschwindet eines Tages im Keller und fällt schlimmstenfalls den Enkeln in die Hände, die darüber schmunzeln. Das Internet hingegen vergisst nichts, die Spuren der Nutzer lassen sich auf alle Zeiten verfolgen.

Die nächste Volkszählung soll 2011 stattfinden. Bislang regt sich dagegen kaum Widerstand. Warum auch, steht doch ohnehin schon alles im Internet.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München

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