Dax
Hübsche Bilanzen

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Wer tief genug stapelt, glänzt schon mit bescheidenen Erfolgen. So erklärt sich der Höhenflug an den Börsen, der den Dax über 7 000 Punkte trieb. Anleger honorieren, dass die Industriekonzerne mit ihren jüngsten Quartalsberichten die zuvor drastisch herabgesetzten Schätzungen der Analysten ein klein wenig schlagen konnten. Und dass sich die trüben Konjunkturaussichten in den USA nicht weiter verdüstern. Doch das bisschen Licht reicht nicht aus, um eine neue Hausse zu entfachen.

Bessere Unternehmens- und Wirtschaftsaussichten mögen der Anstoß für höhere Kurse sein. Doch sie erklären nicht, warum der Dax binnen sechs Wochen um 15 Prozent steigt und Deutschlands 30 größte Konzerne um 110 Milliarden Euro wertvoller macht. Maßgeblicher Treiber der jüngsten Rally ist die angesichts vieler Milliardenabschreibungen bei den Banken häufig kritisierte internationale Bilanzierung nach IFRS. Ihr Kernelement, die Fair-Value-Bewertung, wonach die Unternehmen ihre Vermögensgegenstände zeitnah bewerten müssen, trieb die Börsen Anfang des Jahres jäh nach unten – und jetzt kräftig oben.

Solange Anleger weitere Abschreibungen und Kursverluste als Folge der Immobilienkrise fürchten und deshalb Finanzprodukten die kalte Schulter zeigen, sinkt der aktuelle Wert der Vermögensgegenstände in der Firmenbilanz. Bei der Deutschen Bank beispielsweise sind Abschreibungen von 2,5 Milliarden Euro im ersten Quartal fast ausschließlich auf die Fair-Value-Bewertung zurückzuführen. Wertberichtigungen verschrecken die Anleger, drücken deshalb die Kurse, münden so in neuerliche Abschreibungen und lassen schließlich die Börsen weiter fallen.

Doch genauso treibt dieser sich selbst verstärkende Effekt die Börsen jetzt nach oben. Denn wer damit rechnet, dass die Konjunktur wieder anspringt und die Banken das Gröbste hinter sich haben, weil die amerikanische Notenbank mit aggressiven Zinsschritten und alle großen Zentralbanken der Welt mit Liquiditätsspritzen aggressiv gegensteuern, deckt sich jetzt mit Aktien ein.

Steigende Kurse wiederum nähren dank IFRS zu Recht die Hoffnung, dass die Unternehmen bald wieder bessere Bilanzen vorlegen und Abschreibungen à la Deutsche Bank ein Ausrutscher bleiben. Mehr Zuversicht an den Finanzmärkten verteuern nicht nur die Aktienkurse – die am freien Markt und natürlich auch die in den Bilanzen der Banken –, sondern in aller Regel auch den Wert der umstrittenen handelbaren Kredite. Beides stärkt den nächsten Quartalsbericht der Konzerne, weil die Firmen markt- und zeitnah bilanzieren müssen.

Vor allem kurzfristig orientierte Investoren springen gern auf solche Trends auf und verstärken sie damit. Der Rekord an offenen Kontrakten auf Leerverkäufe in den USA unterstreicht das. Nie zuvor wetteten gleichzeitig so viele Investoren auf fallende Kurse und verkauften Aktien leer, um sie später zu vermeintlich günstigeren Kursen zurückzukaufen. All diese Positionen müssen über kurz oder lang geschlossen werden und bergen damit ein gehöriges Anstiegspotenzial. Ein Teil davon offenbart sich jetzt, wie die sinkende Zahl an offenen Kontrakten belegt.

Die Folge solcher Effekte sind größere Kursausschläge, also stärker schwankende Börsen als früher. Beleg ist der Dax-Verfall von über 8 000 auf 6 200 Punkte zu Anfang des Jahres und nun schon wieder der rasche Anstieg auf 7 000 Zähler. Abstürze und Höhenflüge relativieren sich also, weil die neuen Bilanzierungsregeln die Kursausschläge begünstigen und damit vergrößern.

Funktionieren die Börsen damit noch als Frühindikator für die Konjunktur? Nur noch bedingt. Üblicherweise nehmen die Märkte Trendwechsel der Realwirtschaft sechs bis zwölf Monate vorweg. Das zeigte sich beispielsweise beim Börsenabsturz dies- und jenseits des Atlantiks nach der Jahrtausendwende.

Den jüngsten Dax-Anstieg von 15 Prozent als Signal für eine neue Hausse zu interpretieren käme indes verfrüht. Für einen neuen, stabilen Höhenflug bedarf es weiterer Kursgewinne – und mehr als das Ausbleiben schlechter Nachrichten.

Allen Pessimisten – deren Zahl erreichte in den USA ebenfalls ein Rekordniveau – sei aber gesagt: Auf ein Wiederaufflammen der Baisse zu hoffen, um so bei 6 000 oder gar 5 000 Dax-Punkten billig Aktien einzukaufen, birgt mehr Risiken als Chancen. Denn für solch ein Schreckensszenario müssten die USA die gesamte Weltwirtschaft und vor allem Europa in eine Rezession stürzen und gleichzeitig die deutschen Unternehmensgewinne einbrechen. All das ist als Folge der Immobilien- und Finanzkrise zwar möglich. In Sicht ist solch ein Szenario aber derzeit nicht.

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