Debatte um Verbrennungsmotor
Die Grünen könnten leer ausgehen – wieder einmal

Als die Grünen erklärten, 2030 aus dem Verbrennungsmotor aussteigen zu wollen, erlebten sie einen Sturm der Entrüstung. Doch nun kommt ein solcher Ausstieg europaweit in Mode. Ein Kommentar über ein grünes Dilemma.
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Davon hätte kein Grüner zu träumen gewagt. Während der Kampf gegen die Atomkraft fast 30 Jahre dauerte – von den Anfänger der außerparlamentarischen Anti-AKW-Bewegung bis zum Ausstiegsbeschluss der rot-grünen Koalition im Jahr 2000 – geht beim Verbrennungsmotor alles viel schneller. Die Debatte um seine Zukunft hat sich innerhalb von nur 30 Tagen vollkommen gedreht.

Mitte Juni beschloss der Parteitag der Grünen, ab 2030 keine neuen Verbrennungsmotoren mehr zulassen zu wollen. Die Argumentation: Den deutschen Autobauern soll es nicht so ergehen wie den Stromproduzenten, die die von Rot-Grün eingeleitete und von Bundeskanzlerin Angela Merkel vollendete Energiewende in der Substanz beschädigte. Die Politik müsse VW, Daimler & Co. rechtzeitig zur Wende zwingen, um den deutschen Wohlstand zu erhalten. Die Aufregung war groß, die politische Konkurrenz und die Industrie geißelten den Plan der Öko-Partei als Attacke auf den Standort Deutschland.

Wenige Wochen später kommt der Einstieg in den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor in anderen Ländern in Mode: Erst Norwegen, dann Frankreich und das ferne Indien, und nun Großbritannien haben Daten für die Kehrtwende verkündet. In Deutschland jedoch gilt, was schon in der Bibel steht: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland.

So sehr sich die führenden Grünen als Propheten bestätigt fühlen können, so sehr könnten sie von ihrem eigenen Erfolg überrollt werden. Merkel hat oft genug gezeigt, dass sie rücksichtslos und blitzschnell umsteuern kann, wenn sie die Zeit für gekommen hält. Es ist nur zu wahrscheinlich, dass sie die Kehrtwende auch beim Verbrennungsmotor vollzieht – die von Dieselskandal und Kartellvorwürfen geschwächte Branche würde es ihr momentan sogar leicht machen. In ihrer Partei bröckelt die Front jedenfalls schon: Ermutigt von der europäischen Ausstiegswelle wagen sich erste Parlamentarier aus der Deckung und fordern, das Autoland Deutschland dürfe Großbritannien nicht hinterherklappern.

Noch können sich die Grünen als Vordenker präsentieren, die den Wohlstand von morgen sichern wollen. Wenn sie Glück haben, hält ihr Vorsprung bis zur Wahl und sie profitieren vom Imagewandel vom industriefeindlichen Radikal-Ökologen zu den klugen Vordenkern mit einem kräftigen Plus an Wählerstimmen. Danach könnte Merkel versucht sein, sich die Kritiker ins Haus, sprich in eine Koalition zu holen, um bei der Autowende als Macherin und nicht als von der Opposition Getriebene dazustehen – und die Grünen zugleich in die Pflicht zu nehmen. Die nötige Mehrheit für Schwarz-Grün gibt es jetzt schon.

Doch sobald Merkel öffentlich umdenkt und ohne die Grünen konkrete Schritte einleitet, könnte es – wie schon bei der Atomkraft – schnell heißen: Den Grünen gehen die Themen aus, sie sind überflüssig. Dass sie in die richtige Richtung dachten, nutzt ihnen dann womöglich wieder nichts.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

Kommentare zu " Debatte um Verbrennungsmotor: Die Grünen könnten leer ausgehen – wieder einmal"

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  • @Novi Prinz 27.07.2017, 13:31 Uhr
    „Die Überhitzung der Meere wird zum ansteigen des Spiegels , 2046 bis 61,30m führen ! Da denkt man am Niederrhein an Hausboote statt Wohnmobil vor !“
    Welcher „Experte“ oder „Klimawissenschaftler“ hat Ihnen denn diesen Quatsch erzählt?
    Nach der Aussage würde der Meeresspiegel (ich vermute mal, dass das mit „Spiegel“ gemeint war) um 2,11mtr. per Jahr steigen – und das natürlich „vom Menschen" gemacht.

    Wenn Ihnen der „richtige“ Experte morgen sagt, die Erde ist eine Scheibe, glauben Sie es wahrscheinlich auch und erzählen es mit Begeisterung weiter, weil es „wahr“ ist…..

  • Novi Prinz@ Beten Sie bitte auch für die Katze, das Tier hasst Wasser.

  • Herr Spiegel, ich werde für Sie beten damit die höhere Kölner Domspitze Ihr Schauchboot nicht aufschlitzt ! Dreimal _Gott sei bei uns _!

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