Degussa
Perfidie am Mahnmal

Wer in Deutschland seinen Gegner fertig machen will, wirft ihm Nähe zum Nazismus vor. Diese gröbste denkbare Waffe wird gerne gezückt, auch wenn dabei jedes Maß verloren geht.

Wer in Deutschland seinen Gegner fertig machen will, wirft ihm Nähe zum Nazismus vor. Diese gröbste denkbare Waffe wird gerne gezückt, auch wenn dabei jedes Maß verloren geht. Im Hintergrund des Streits um die Verwendung eines Degussa-Produkts zur Imprägnierung der Stelen des Holocaust-Mahnmals steht allerdings kein politischer Kampf, sondern die Konkurrenz zwischen dem deutschen Unternehmen und einem Schweizer Wettbewerber.

Die Schweizer verloren den Auftrag. Möglich, dass zwischen Degussa, der Berliner Senatsverwaltung und der Stiftung für das Mahnmal gekungelt wurde. Dabei dürfte die Hoffnung der Stiftung eine Rolle gespielt haben, das Anti-Graffiti-Produkt möglichst billig zu bekommen. Degussa lehnt jede Äußerung hierzu ab.

Ohnehin ist das allenfalls eine Frage des Vergaberechts, aber keine danach, ob Degussa vom Bau des Mahnmals ausgeschlossen werden muss, weil die frühere Tochterfirma Degesch an der Judenvernichtung beteiligt war.

Genau das behauptet aber das Kuratorium – nachdem eine Schweizer Tageszeitung unter der perfiden Überschrift „Zweimal am Holocaust verdient“ den Auftrag für Degussa publik machte. Plötzlich heißt es in Berlin, eine Beteiligung von Degussa sei den Opfern und ihren Nachkommen nicht zuzumuten. Wieder einmal wird die unsägliche alte Taktik genutzt: Um sich selber aus dem Konflikt herauszuwinden, spielt das Kuratorium schnell Degussa die Nazi-Karte zu.

Das heutige Unternehmen und seine Mitarbeiter haben es nicht verdient, als Nazi-Epigonen gebrandmarkt zu werden und dadurch Schaden zu nehmen. Sie haben sich nicht davor gedrückt, die Verstrickung des Hauses in die NS-Verbrechen aufzuarbeiten. Degussa hat aktiv die Entschädigung der Zwangsarbeiter vorangetrieben, ein früherer Manager des Unternehmens leitet die Zwangsarbeiter-Stiftung.

Je länger der Fall diskutiert wird, desto deutlicher wird, dass Degussa sich wenig vorzuwerfen hat. Das Vorgehen der Stiftung dagegen erscheint von Tag zu Tag fragwürdiger. Wer so opportunistisch operiert, kann keine moralische Überlegenheit für sich in Anspruch nehmen, ist selber kritikwürdig. Vielleicht hat der Streit wenigstens ein Gutes: dass künftig weniger leichtfertig Nazi-Vorwürfe ausgeteilt werden.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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