Demographie
Heuchelei und Selbstbetrug

Demographie ist in. Kaum eine Woche vergeht, da nicht eine große Zeitung oder Zeitschrift ihre Leser mit Schreckensszenarien einer älter werdenden Bevölkerung und leerer werdender Rentenkassen überfällt. Fast beschwörend klingt dabei überall die Absage an den „Jugendwahn“. Die Qualitäten älterer Menschen werden plötzlich groß herausgestellt, zum Beispiel ihre Kaufkraft oder ihre Sozialkompetenz innerhalb von Betrieben. Erst vorgestern ermahnte der Bundespräsident in seiner „Brandrede“ die Wirtschaft, den Wert älterer Mitarbeiter in Unternehmen nicht zu unterschätzen.

Zu den ins Positive gewendeten Visionen gehört dabei auch, die bundesdeutsche Standardbiografie zu überarbeiten: Der neue Mensch im Zeitalter der schrumpfenden Bevölkerung muss ein Leben lang lernen, außerdem ist er immer fitter und kann daher auch länger als bisher arbeiten.

Zum Teil sind diese „neuen Alten“ nur ein Beispiel einer weit verbreiteten verzerrten Wahrnehmung der Realität. Denn nach wie vor machen hauptsächlich relativ junge Männer mit geradlinigem beruflichem Werdegang und überschaubarer Sensibilität Karriere, obwohl viel über Emanzipation und Sozialkompetenz geredet wird. Beim Thema „Alte“ erreicht diese Heuchelei aber ihren Gipfel.

Zwar hat sich der Staat inzwischen weitgehend aus der Finanzierung von Vorruhestandsregelungen zurückgezogen, aber mehr aus Geldmangel als aus tieferer Erkenntnis. Und während über längere Lebensarbeitszeit diskutiert wird, sind manche Unternehmen richtig stolz darauf, dass sie überhaupt keine Mitarbeiter mehr über 50 an Bord haben. Obwohl die soziale Kompetenz und die Berufserfahrung älterer Kollegen niemand in Frage stellt, stellen nicht nur kapitalistische Unternehmen, sondern auch politische Organisationen und selbst Kirchengemeinden am liebsten junge Leute ein.

Obwohl jeder nickt, wenn es um das lebenslange Lernen geht, steht im Mittelpunkt die Frage, wie junge Leute ihr Potenzial ausschöpfen können, und nicht, wie ältere Kollegen den Anschluss halten. Selbst das Thema Kaufkraft bleibt eher Theorie: Einschaltquoten von Leuten über 50 interessieren die Werbekunden der Fernsehsender nicht.

Die größte Gefahr ist aber, dass die Betroffenen selbst sich etwas vormachen. Wer kennt nicht einen älteren Kollegen, der sich viel auf seine lange Berufserfahrung zugute hält und dabei in seinen Leistungen längst von jüngeren abgehängt worden ist? Wie viele erfahrene Arbeitnehmer betrachten den Wandel in ihrem Betrieb mit milder Skepsis und schütteln ihr weises Haupt so lange, bis sie sich plötzlich in den neuen Strukturen gar nicht mehr zurechtfinden? Und wie viele Führungskräfte glauben, sie hätten den Sprung geschafft und könnten alles, was ihnen zu kompliziert ist, delegieren – bis sie als Frühstücksdirektoren wegrationalisiert werden.

Es gibt viele Fallstricke. Am gefährlichsten ist immer das Gefühl, irgendetwas nicht mehr nötig oder schon genügend geleistet zu haben. Denn Unternehmen interessieren sich, trotz freundlicher Worte bei Abschiedsfeiern, einzig und allein für die Zukunft und nicht für vergangene Taten. Heuchelei und Selbstbetrug sind also an der Tagesordnung. Und das ist gefährlich. Denn Arbeitnehmer werden künftig lange arbeiten und deswegen auch leistungsfähig bleiben müssen, um trotz leerer Rentenkassen ihren Lebensunterhalt dauerhaft zu sichern. Und Betriebe werden angesichts schmaler Nachwuchsgenerationen mit älter werdenden Belegschaften klarkommen müssen. Spätestens wenn der Staat eine zu große Rentnerschaft nicht mehr finanzieren kann, wird enormer politischer Druck auf die Unternehmen ausgeübt werden, längere Lebensarbeitszeiten zu ermöglichen.

Abhilfe kann nur ein gesunder Realismus schaffen. Arbeitnehmer müssen nüchtern überlegen, welche Stärken sie haben und was davon auf Dauer Bestand hat. Sie müssen gezielt versuchen, Schwächen auszugleichen, aber sich auch klar eingestehen, wo sie das Rennen gegenüber Jüngeren zwangsläufig verlieren werden. Wo zählt Erfahrung wirklich, und wo ist sie längst durch die schnelllebige Entwicklung entwertet?

Und die Betriebe müssen ihre Leute fordern, auch wenn sie schon graue Haare haben, ihnen aber hin und wieder etwas mehr Zeit zugestehen, um sich zum Beispiel auf ein neues Computersystem einzustellen. Sie müssen bei älteren Menschen noch mehr darauf achten, dass sie genau entsprechend ihren Fähigkeiten eingesetzt werden. Wenn beide Seiten sich bemühen und sich trotzdem nichts vormachen, dann kann es wenigstens auf betrieblicher Ebene gelingen, mit der demographischen Entwicklung klarzukommen.

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