DEMOSKOPEN
Lehren aus dem Debakel

Die Niederlage der Union ist auch eine der Meinungsforscher. Die Demoskopen sind nicht allein Täter, sie sind auch Getriebene von Interessengruppen, die Politik zunehmend dramatisieren und den Bürgern die politische Meinungsbildung abnehmen wollen.

Kein Wahlforscher hat auch nur ansatzweise das Debakel der Union prognostiziert. Trotzdem posaunte ein TV-Sender am Tag nach der Wahl: "Eigentlich haben sich unsere Umfragen voll und ganz bestätigt." Starker Tobak, denn die Niederlage der Union ist auch eine der Meinungsforscher. Die meisten von ihnen versuchen auch gar nicht, über ihre Schwäche hinwegzureden, und räumen ehrlich ein, dass sie den Einbruch der Union in keiner Weise vorhergesehen haben.

Bei der Ursachenforschung springen sie allerdings zu kurz: Da verweisen sie auf die vielen Unentschlossenen, auf die Differenz zwischen Wahlabsicht und tatsächlichem Verhalten, auf vermeintliche Unionswähler, die sich nicht getraut hätten, ihre Abneigung gegen Merkel offen zu zeigen. Erinnern wir uns: Bei den Stimmungswerten, also den Rohdaten der Befragungen, gab es erhebliche Ausschläge, die auf den unklaren Wahlausgang hindeuteten. Nur haben die Demoskopen versucht, die zu glätten und zu filtern, um einen schön vermarktbaren, weil scheinbar klaren Trend vorweisen zu können: Wechselstimmung, Kanzlerwechsel.

Erfreulich offen haben bereits mehrere Meinungsforscher von der eigenen Zunft verlangt, sich bei so wackeligen Ausgangsdaten künftig stärker zurückzuhalten bei der Beantwortung der Frage, wie die Wahl ausgehen wird, auch wenn Parteien, Medien und Öffentlichkeit das von ihnen verlangten. Die Demoskopen sind nicht allein Täter, sie sind auch Getriebene von Interessengruppen, die Politik zunehmend dramatisieren und den Bürgern die politische Meinungsbildung durch pseudo-objektive demoskopische Wasserstandsmeldungen abnehmen wollen.

Daran sind die Meinungsforscher nicht schuld. Aber als Wissenschaftler haben sie die Möglichkeit - und die Pflicht -, sich aus diesem Spiel zurückzuziehen, wenn es offensichtlich unseriös wird.

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