Der ökonomische Gastbeitrag
Die Mär vom Absturz der Mittelschicht

In Deutschland verarmt nicht die Mitte, sondern arme Zuwanderer ersetzen die schrumpfende einheimische Bevölkerung.

Kennten die Deutschen ihre Geschichte, insbesondere ihre Wirtschafts- und Sozialgeschichte, ein wenig besser, blickten sie wahrscheinlich heiterer, auf jeden Fall aber gelassener in die Zukunft. Doch da sie ihre Geschichte zumeist nicht kennen, beunruhigen sie bereits mäßige Eintrübungen ihrer wirtschaftlichen Lage, und eine wachsende Zahl sieht sich vor einem unmittelbar bevorstehenden Absturz. Schon ist von Massenarmut und der Verelendung breiter Bevölkerungsschichten die Rede. Die Mehrheit blickt den kommenden Jahren eher pessimistisch entgegen.

Bei einer solchen Stimmung konnte die Meldung, wonach die Bevölkerung im mittleren Einkommensbereich, das sind Menschen, die 2006 als Alleinstehende ein monatlich verfügbares Nettoeinkommen zwischen 1 094 und 2 344 Euro und als Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren zwischen 2 297 und 4 922 Euro erzielten, von 1996 bis 2006 um 5,5 Millionen abgenommen hat, nur diese Reaktion auslösen: Die Mittelschicht dünnt aus, steigt ab, verelendet.

Eine solche Schlussfolgerung schien umso zwingender, als während desselben Zeitraums, in dem die Bevölkerungszahl im mittleren Einkommensbereich um 5,5 Millionen abnahm, sie sich im unteren Einkommensbereich um 4,1 Millionen erhöhte. Das genügte, um die Politik auf den Plan zu rufen. Höhere Sozialtransfers, Mindestlöhne, Abgabenentlastungen und gegebenenfalls eine lockerere Geld- und Fiskalpolitik sollten das Übel wenn schon nicht kurieren, so doch lindern.

Dass dies jedoch höchst unwahrscheinlich ist, offenbart ein genauerer Blick in die Statistik. Da nämlich zeigt sich, dass die Mittelschicht keineswegs, wie so selbstverständlich unterstellt, auf breiter Front abgestiegen ist. Vielmehr erlitt sie ihre Verluste zum einen durch den kräftigen Rückgang des deutschstämmigen Bevölkerungsteils. Dieser verlor zwischen 1996 und 2006 rund 2,8 Millionen Menschen durch Tod oder Auswanderung. Und zum anderen - überaus erfreulich - durch die kräftige Zunahme des einkommensstarken Bevölkerungsteils, der auf ein historisches Hoch von 20,5 Prozent kletterte. Noch nie gab es in Deutschland, kaum beachtet und selten kommentiert, so viele Wohlhabende und Reiche wie heute.

Damit vermindert sich die Zahl derjenigen, die von der Mittel- in die Unterschicht abstiegen, saldiert auf rund 1,1 Millionen. Auch diese Zahl ist hoch, aber nicht so hoch, als dass in einem 82-Millionen-Volk ernsthaft von einer galoppierenden Verarmung der Mittelschicht die Rede sein könnte. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil in der Mehrzahl der Fälle der Abstieg nicht ohne Zutun der Betroffenen erfolgte.

Konkret: Zwischen 1996 und 2006 vergrößerte sich die Zahl Alleinerziehender um 0,9 Millionen. Von ihnen fanden sich 0,8 Millionen bei den wirtschaftlich Schwachen wieder. Der Grund: Trennt sich ein Paar mit zwei Kindern, steigt ihr jährlicher Mittelbedarf gegenüber einer vierköpfigen Familie um 9 375 Euro. Da diese zusätzlichen Einkünfte oft nicht erwirtschaftet werden, sinken zumindest die Alleinerziehenden, nicht selten aber auch die getrennt Lebenden im Einkommensgefüge ab.

Noch viel bedeutsamer für die größere Zahl wirtschaftlich Schwacher ist allerdings die Zunahme der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Sie wuchs von 1996 bis 2006 um 3,5 Millionen, von denen 0,6 Millionen zum Anstieg der oberen, aber 2,9 Millionen, das sind 83 Prozent, zum Anstieg der unteren Einkommensschichten beitrugen. Der entscheidende Grund für dieses Ungleichgewicht ist die weithin unzureichende Integration von Zuwanderern, die sich oft auch noch in der zweiten und dritten Generation bemerkbar macht: mangelhafte Sprachkenntnisse, niedrige oder gar keine Qualifikationen, weniger erwerbsorientierte Sicht- und Verhaltensweisen, Diskriminierung vonseiten der ansässigen Bevölkerung. Solange sich hieran nichts ändert, wird mit jeder weiteren Zunahme von Menschen mit Migrationshintergrund die Zahl wirtschaftlich Schwacher steigen.

Besonders problematisch hieran ist, dass aufgrund dieser Entwicklung die Zahl von Kindern im einkommensschwachen Bereich stark zunimmt. Reichlich zwei Drittel der 2,9 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, die zwischen 1996 und 2006 zu den unteren Einkommensschichten stießen, waren Paare mit Kindern. Diese, zusammen mit den 0,8 Millionen einkommensschwachen deutschstämmigen Alleinerziehenden, haben Politik und Öffentlichkeit schlussfolgern lassen: Kinder machen arm.

Doch deutschstämmige Paare mit Kindern beweisen das Gegenteil. Bei den Einkommensstarken hat sich ihre Zahl nämlich um 1,1 Millionen erhöht, während sie bei den Einkommensschwachen um die gleiche Größe zurückging. Intakte deutschstämmige Familien mit Kind(ern) waren also die eindeutigen Aufsteiger im Einkommensgefüge der Jahre 1996 bis 2006.

Ähnlich erfolgreich waren nur die über 64-Jährigen. Sie stellten mit einer Million die andere Hälfte der Einkommensgewinner. Fast jeder Fünfte von ihnen gehört heute zur Gruppe der Wohlhabenden oder Reichen. Die während langer Phasen zutreffende Verbindung von alt und arm gilt derzeit nur für eine recht kleine Minderheit. Allerdings kann sich das in absehbarer Zeit auch wieder ändern.

Bleibt als Fazit: Was vordergründig eine sozial-ökonomische Herausforderung zu sein scheint, ist in hohem Maße eine sozio-demografische. Deutschland erfährt jetzt das Schicksal eines Landes, dessen im Schnitt wohlhabende, einheimische Bevölkerung schrumpft und ersetzt wird durch vergleichsweise arme, unzulänglich integrierte Migranten. Solange sich an diesem Befund nichts ändert, wird sowohl der Anteil wirtschaftlich Starker als auch Schwacher weiter wachsen.

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